Angesprochen
auf das dargestellte Grauen in der „Strafkolonie“, verwies Franz Kafka auf das
Grausame der Zeitumstände. Für ihn mußte Literatur ein „Faustschlag auf den
Schädel“ des Lesers sein, „die Axt für das gefrorene Meer in uns“. Dem könnte
sich Christian Geissler wohl nur anschließen. Sein neues Buch, sarkastisch als
„Kinderlied“ bezeichnet, doch viel eher ein Totenlied, gehört zu den bösesten deutschsprachigen
Texten der letzten Jahre. Selten zuvor wurde der Leser mit einer derart
geballten Ladung von Grauen und Hoffnungslosigkeit konfrontiert.
Dabei dauert es eine ganze Weile, bis man überhaupt
Eingang in den Text gefunden hat. Fern aller postmodernen Tendenzen eines
wiederentdeckten, unbeschwerten Erzählens gehört Geisslers Buch zur
aussterbenden Art moderner Prosa à la Joyce und Beckett. Kein durchgehender
Erzähler, keine chronologische Handlung, häufig nicht einmal vollständige
Sätze. Dafür ständig wechselnde Perspektiven, Assoziationsschübe und
Querverweise. Atemlose Monologe und Reflexionen. Zeitsprünge zwischen
Vergangenheit und Zukunft. Und immer wieder Wortspiele auf semantischer wie
phonologischer Ebene, lyrische Elemente, die die Erzählung zu einem großen
Prosagedicht machen.
Nur allmählich, fast zögernd, entsteht in diesem
Kaleidoskop von Reflexionen und Eindrücken eine vage Ahnung von der Handlung.
„Wildwechsel mit Gleisanschluß“ changiert zwischen Realität und Fiktion, und so
ist es schwer zu entscheiden, ob der Alptraum, der hier vorgeführt wird, auf
die nahe Zukunft gemünzt ist oder einen Zerrspiegel des schon Bestehenden
zeigt: In einem europäischen Großkapitalismus werden an den Grenzen Sammellager
für die Armen errichtet, „knallharte Pufferregionen im Eurorand“, wie es einmal
heißt, für die Hungernden in Afrika, Asien und dem dahinvegetierenden
Osteuropa. Immer zynischer, immer menschenverachtender werden die
Lösungsversuche dieser Flüchtlingsprobleme, im Text „Asylentsorgung“ genannt.
Begriffe wie „Ghetto“ „Sobibor“ und „Babi Jar“, die immer wieder grell in den
Textblöcken aufblitzen, schlagen denn auch bald die Brücke zum dunkelsten
Kapitel deutscher Geschichte.
„Wildwechsel mit Gleisanschluß“ spielt in einem Dorf
nahe der holländischen Grenze. Dort leben Viet und Carola, die sich mit einigen
Freunden gegen den herrschenden Irrsinn wehren und manche der Armen bei sich
verstecken, damit diese nicht in die Sammellager abgeschoben werden. Schnell
werden sie zur Zielscheibe der Aggressionen ihrer Mitbürger. Eine Katze wird an
ihr Tor genagelt. Fünf Kinder, die sie aufgenommen hatten, kommen ums Leben.
Von Tag zu Tag wird die Atmosphäre bedrohlicher. Selbst die einheimischen
Kinder haben jede Unschuld verloren. Aus Spaß verschicken sie Briefe an die
Alten im Dorf mit dem Betreff „Kontrollgesetz zur Lenkung des
Menschenüberschusses und der Abfallbeseitigung in Europa“: „Sie werden hiermit
aufgefordert, sich zu obiger Zeit im hiesigen Krematorium, Klappe sieben,
zwecks Vernichtung Ihrer schlappen Gestalt, mit Gesangbuch und Leichenhemd
einzufinden.“
Keine Frage, Christian Geissler mutet dem Leser viel
zu. Sein Buch ist ein wahres Inferno. Die dargestellten Höllenvisionen,
einzigartig in der Gegenwartsliteratur, erinnern in ihren surrealen Bilderketten
am ehesten an die Gemälde alter Meister, an Bosch oder Goya. Gleichwohl erliegt
Geissler niemals der Versuchung einer simplen Ästhetisierung des Schreckens.
Ganz im Gegenteil: Gerade die kunstvolle Sprache sorgt in ihrer
Rätselhaftigkeit für eine durchgehende Distanz zum dargestellten Grauen. Eine
Distanz, die dem Leser ermöglicht, sich von der Hoffnungslosigkeit des Textes
nicht ganz verschlingen zu lassen, sondern die reale Gegenwart aus einer neuen
kritischen Perspektive zu beurteilen.
n Christian Geissler: Wildwechsel mit Gleisanschluß.
Kinderlied. Hamburg: Rotbuch 1996. 126 Seiten. 29,80 Mark.