Spätestens
seit „Sofies Welt“ hat sich gezeigt, daß die Philosophie das Schattendasein in
Hörsälen und Seminaren überwunden hat und sich ihren Platz zuweilen bis an die
Spitze der Bestsellerlisten erkämpft. Manchmal freilich nimmt der aktuelle Boom
groteske Formen an: „Hegel in 90
Minuten“, „Marx als Comic“ - alles in leicht verdaulichen Häppchen serviert,
immer schneller, immer lauter, immer bunter! Die einstige Krone der
Wissenschaft droht zur grellen Narrenkappe des heutigen live-styles zu werden.
Daß es auch anders geht, beweist der Rotbuch-Verlag,
der sich nun an einen umfassenden Überblick über die (westliche)
Gegenwartsphilosophie gewagt hat. Keine ganz leichte Aufgabe, ist es doch kaum
möglich, einen objektiven Kanon der tonangebenden Philosophen einer Epoche -
zumal noch einer durch und durch pluralistischen - zu bilden, in der man sich
selbst noch befindet.
In den drei Bänden werden insgesamt 35 Denker (keine
einzige Denkerin - ein nicht
verzeihliches Manko!) in leicht verständlichen, aber niemals allzu
vereinfachenden Artikeln vorgestellt. Geglückt sind insbesondere auch die
fundierten Einleitungen, die auf jeweils knapp 30 Seiten das Denkklima und die
wichtigsten Fragestellungen der Philosophie der entsprechenden Geistesregion
skizzieren und dazu beitragen, die Verwandtschaft der einzelnen Philosophen zu
erkennen.
Die Philosophie in Deutschland, Inhalt des ersten
Bandes, hat es seit den Greueltaten des Dritten Reiches schwer, ihr
Selbstverständnis zu finden. Anschaulich wird in der Einleitung dargestellt,
daß die meisten deutschen Denker heute im Spannungsfeld der drei großen
Traditionen deutscher Philosophie stehen: dem Idealismus Kants, der Destruktion
der Metaphysik durch Nietzsche und Heidegger und der Kritischen Theorie der
Frankfurter Schule. Bei aller Themenvielfalt (das Buch geht auf Gadamers
Hermeneutik ebenso ein wie auf Luhmanns Systemtheorie; auf die Technikkritik von Anders und Weizsäcker
genauso wie auf Blumenbergs Mythentheorie) wird es doch bald deutlich, daß
eines der zentralen Themen die Frage nach einer Rettung der Vernunft ist. Im
Schatten der Vergangenheit Deutschlands machen es sich insbesondere Apel und
Habermas zur Aufgabe, die Vernunft - gegen alle Tendenzen eines neuen
Irrationalismus und Relativismus - zu legitimieren.
Diametral entgegengesetzt zu diesem Ansatz ist die
Philosophie Frankreichs, die - mit zwei Abstechern nach Italien - im zweiten
Band vorgestellt wird. Sie steht heute mit ihren Konzepten der Postmoderne, des
Strukturalismus und Dekonstruktivismus im Zentrum der westlichen Philosophie.
Ihr geht es nicht um eine verzweifelte Rettung der Vernunft, sondern gerade um
deren Überwindung. Programmatisch für die Rationalitätskritik meint Foucault:
„Die Vernunft, das ist die Folter“. Fast alle bedeutenden französischen Denker
versuchen, einen Weg aus der Sackgasse der abendländischen Philosophie zu
finden, und wenden sich so explizit auch gegen ihren Übervater Descartes: Ob es
nun etwa die „Diskurs-Archäologie“ Foucaults ist, Derridas Sprachkritik als
„Dekonstruktion des Logozentrismus“ oder Lyotards Absage an alle universellen
Systeme, an alle „großen Erzählungen“. (Rätselhaft indes, weshalb Lacan nicht
angeführt ist, in dessen Seminaren sich viele der zeitgenössischen
Geistesgrößen eingefunden hatten. Auch Aufsätze über seine geistigen Töchter,
etwa die feministischen Philosophinnen Julia Kristeva oder Luce Irigaray, sucht
man vergeblich.) Hand in Hand mit der Vernunftkritik geht die Frage nach der
Gültigkeit bestehender Normen und Werte, ja überhaupt der Zweifel an einer
absoluten Wahrheit. So heißt es denn auch lapidar bei Baudrillard, einem der
radikalsten Denker der Postmoderne: „Für den Sinn ist keine Hoffnung mehr“.
Freilich hält ihn das nicht davon ab, gleichsam spielerisch eine Theorie nach
der anderen zu entwickeln.
Eine Abkehr von der französischen Philosophie, die in
ihrer Beliebigkeit allzu oft an ein Glasperlenspiel erinnert, stellt die gegenwärtige Philosophie Englands und der
USA, Inhalt des dritten Bandes, dar. Hatte der Weltgeist vor einigen
Jahrzehnten noch das Rheinufer von Deutschland nach Frankreich gewechselt, so
scheint er sich nun auf den Sprung über den Atlantik vorzubereiten. Im
Mittelpunkt steht der von Peirce begründete Pragmatismus, jene so typisch
amerikanische praxisorientierte Auseinandersetzung mit der Welt. „So tritt an
die Stelle der dekonstruktiven Hirnakrobatik postmoderner Denker ein weniger
artistischer Blick auf die Realität.“ Philosophie gewinnt gesellschaftliche
Bodenhaftung zurück und kann dadurch ihre sozialkritischen Aufgaben wieder
erfüllen, wie beispielsweise in den Arbeiten von Rawls, Rorty oder Sennet
deutlich wird.
Die
drei Bände helfen dem Interessierten dabei, sich im Dschungel der Gegenwartsphilosophie
zu orientieren und Schritt für Schritt seinen ganz persönlichen Pfad zu bahnen.
Denn eines ist klar: So viele Philosophen man auch kennt - das eigene Denken
kann einem niemand abnehmen.
n Ingeborg Breuer u.a. (Hg.): Welten im Kopf. Profile
der Gegenwartsphilosophie. 3 Bände: 1. Bd.: Deutschland; 2. Bd.:
Frankreich/Italien; 3. Bd.: England/USA; Hamburg: Rotbuch Verlag 1996. Je Band
ca. 220 Seiten, 19,90 Mark.