Kurz
nach dem Ende der Hölle kamen die Schatzsucher. Wie ein Lauffeuer hatte sich in
der polnischen Bevölkerung das Gerücht verbreitet, in der Erde von Treblinka lägen
unermeßliche Reichtümer. Die deportierten Juden, so die Legende, hätten ihre
Wertsachen gleich nach der Ankunft im Lager versteckt. Einer Plage gleich
schwärmten die Leichenfledderer nach Kriegsende in das Gebiet. Jeder
Quadratmeter wurde umgegraben, jeder Erdhaufen durchwühlt. Aber die
Enttäuschung war groß. Anstelle von Gold, Schmuck und Geldscheinen stieß man
auf zerbrochene Teller, verrostete Löffel, zerfetzte Schuhe. Vor allem auf
Totenschädel und Knochen. Doch auch die wurden eifrig gesammelt. Reliquien aus
einer gottlosen Zeit.
Dies ist nur eines von zahlreichen, hierzulande kaum
bekannten Ereignissen, die Eleonora Lev in ihrem Buch „Eine Waise sozusagen“
aus dem Dunkel der Geschichte befreit und zu neuem Leben erweckt. Als
Journalistin gehörte sie zu der israelischen Delegation, die 1983 - vierzig
Jahre nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto - nach Polen reiste. Das erste Mal nach ihrer Flucht aus Europa
kehrte sie an den Ort ihrer Kindheit zurück. „Selbst die Sprache hat keinen
Namen für den Mangel, der mich hierherzog wie ein diffus, aber permanent
wirkender magnetischer Pol. Zweifelsohne ist es eine besondere Art von
Verwaisung. Aber wie nennt man eine solche Verwaisung, eine Verwaisung von
Tanten, von Onkeln, von Großmüttern? Von einer Sprache und einer Welt, die
ausradiert wurden?“
Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter macht sich
Eleonora Lev auf die Suche nach den Spuren einer untergegangenen Kultur. Doch
immer wieder stößt sie auf Leere. In ihrer einstigen Heimatstadt gibt es zwar
noch die Synagogenstraße, nirgends aber die Synagoge. Das, was die
Einheimischen wie selbstverständlich den „jüdischen Friedhof“ nennen, entpuppt
sich als kahler Hügel ohne Grabsteine, ohne Namen. Müllberge liegen statt
dessen auf dem Gelände. Es hat den Anschein, als hätte es Juden in Polen
niemals gegeben. Als wären sie aus dem Gedächtnis des Volkes für immer
verdrängt und vergessen.
Doch das Verdrängte kehrt wieder, zeigt sich in der
Fratze gesellschaftlicher Strukturen. Das galizische Städtchen Lacunt etwa veranstaltet
jedes Jahr zu Silvester einen Karnevalzug. Ein paar Meter vor den Feiernden
tanzt ein mit Schläfenlocken, langem Bart und einer Filzkappe verkleideter Narr
- der zum Archetypen gewordene „Jude“. „Die kollektive Erinnerung der
Ermordeten nimmt als komische Folklorefigur weiterhin an der jährlichen Feier
des Städtchens teil. Sie gehört zu den zahlreichen Spuren, die wir, manchmal
fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, in dem fremden Bewußtsein hinterlassen
haben.“
Lev eröffnet in ihrem Bericht nicht nur interessante
Einblicke in das Polen der 80er Jahre. Die Reise wird für sie auch zur
Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit. Immer wieder blitzen zwischen den
Beschreibungen vergessen geglaubte Szenen aus ihrer Kindheit auf, Erinnerungen
an verlorene Freunde und Verwandte drängen sich in ihr Bewußtsein und drohen
sie zeitweise zu überwältigen. So erzählt das Buch nicht zuletzt von dem Leben
einer Frau, die bereits in frühen Jahren mit dem Terror konfrontiert wurde und
seitdem auf der vergeblichen Suche nach Frieden, nach Versöhnung ist.
Immer klarer wird ihr das eigentliche Ziel ihrer
Reise: „Zwischen den irritierenden Lämpchen lagen undurchdringlich schwarze
Löcher, die sich nicht aufhellen, geschweige denn befrieden ließen: die Lager.“
Die Orte ihrer Kindheit, die in ihrem Bewußtsein wie grelle Lichter
aufflackern, sind nur Stationen auf ihrer Suche. So schwer es ihr auch fällt,
Eleonora Lev weiß, daß sie die Orte des Grauens besuchen muß. Der Weg führt
nach Auschwitz. Nach Majdanek. Schließlich nach Treblinka. Dort aber ist von
dem einstigen Konzentrationslager nichts mehr zu sehen, die SS hatte die
Gebäude kurz vor Kriegsende gesprengt. Inzwischen wächst dichtes Gras auf dem
Gelände. Auch die Spuren der Schatzsucher sind längst schon verschwunden.
n Eleonare Lev: Eine Waise sozusagen. Aus dem
Hebräischen von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling. Berlin: Berlin Verlag 1999.
335 Seiten. 39,80 Mark.