Der
Anfang könnte von Böll sein. Zerstörte deutsche Städte. Aus der Gefangenschaft heimkehrende
Soldaten, die kein Zuhause mehr haben und notdürftig in Turnhallen untergebracht
werden. Hilfsbereite, aber mit dem herrschende Chaos überforderte GIs. Bald
jedoch wird deutlich, daß es in Kurt Mautz` Roman nicht um die Situation im
Nachkriegsdeutschland geht. Thema ist die Korruption und Konformität der
Intellektuellen im Dritten Reich, bislang in der Literatur eher vernachlässigt.
Im Zentrum der Handlung, die sich aus Erinnerungen
und Gegenwärtigem zusammensetzt, stehen zwei Männer, deren jahrzehntelange
Freundschaft durch das Gewitter der deutschen Geschichte auf eine harte Probe
gestellt wird und schließlich zerbricht. Die Konstellation erinnert an die
Schülerromane von Hesse: Schon in der Jugend lernten sie sich kennen, der
stille, gleichwohl talentierte Ronge und der geniale, stets in Extremen
denkende Kreifeld. Nach ihrer Schulzeit beginnen sie beide ein Studium der
Literatur und Philosophie. Und erst durch die Machtergreifung der Nazis und die
darauf folgende „Gleichschaltung“, die auch vor den Toren der Universität nicht
haltmacht, kommt es zu den ersten Krisen in der Freundschaft. Anfangs wehren
sich die beiden noch gemeinsam gegen die wachsende Indoktrination und Kontrolle
(unter anderem entwerfen sie im Seminar des Frankfurter Soziologen und
Philosophen Amorelli - alias Adorno - Plakate und Flugblätter gegen das Regime).
Doch allmählich entscheidet sich Kreifeld für die Anpassung an die herrschenden
Verhältnisse. Seine Habilitationsarbeit über „Das Mythische bei Goethe“ mutiert
zu einem Pamphlet über den Blut-und-Boden-Mythos der Nazis. Die anfangs nur
zögerlichen Konzessionen an die neuen Machthaber werden zu Bekenntnissen, die ihm das Tor zum
Propagandaministerium öffnen und ein unbeschwertes Leben im System ermöglichen.
Nach der Kapitulation Deutschlands bemüht sich
Kreifeld bei seinem - pathetisch genannten - „Urfreund“ Ronge, der gerade aus
dem Feld heimgekehrt ist, hastig um einen der begehrten „Persilscheine“. Doch
als seine nationalistischen und antisemitischen Artikel in verschiedenen
Zeitungen entdeckt werden, erkennt er die Ausweglosigkeit seiner Situation. Eine
Überdosis an Schlaftabletten beendet sein vertanes Leben.
Mautz schreckt nicht vor allzu direkten Anspielungen
zurück: so verpaßt er Kreifeld einen Klumpfuß am rechten Bein und stellt ihn
dadurch auf die Seite eines anderen promovierten Germanisten, der sein Heil im
Glauben an den „großen deutschen Apostel“ (Zitat aus Goebbels Tagebuch) suchte.
Doch im Gegensatz zum geifernden „Propagandaminister“ identifiziert sich
Kreifeld niemals mit der braunen Ideologie. Er ordnet sich ihr nur unter, um
seine Universitätskarriere nicht zu gefährden. „Nee, den Hitler werden wir
nicht wieder los, mit dem werden wir leben müssen ... Man lebt nur einmal ... Und man muß aus seinem Leben etwas machen ... Ohne die Nazis geht es nicht, also mit ihnen ... Kannst mich ruhig Mitläufer
schimpfen ... Aber machen wir uns nichts vor, Mitläufer sind wir alle, mehr oder weniger, ob wir wollen
oder nicht.“
Auch wenn „Der Urfreund“ sicherlich kein
stilistisches Meisterwerk ist (viele Textpassagen wirken eigenartig hilflos,
manche Personenkonstellationen erzwungen), lohnt sich die Lektüre wegen des
originellen Stoffes. Der Roman führt dem Leser vor Augen, was nur allzu leicht
verdrängt wird: auch - oder gerade? - Intellektuelle sind vor der Gefahr heilsversprechender
Ideologien nicht gefeit. Um ihre Beweggründe zu verstehen, muß man freilich
nicht die prominenten - und komplizierten - Fälle eines Gottfried Benn oder
Martin Heidegger bemühen. Die meisten der braunen Intellektuellen waren
schlichtweg Mitläufer, die sich aus bloßem Eigennutz mit dem neuen System
arrangierten - und es gerade dadurch am Leben erhielten.
n Kurt Mautz: Der Urfreund. Roman. Paderborn: Igel
Verlag Literatur 1996. 212 Seiten. 38 Mark.