Was macht einen Roman zum Kultroman? Sind es die
Personen - häufig liebenswerte Verlierer -, mit denen sich die Fangemeinde
identifizieren und sich dadurch vom Gros der Allgemeinheit absetzen kann? Ist
es die Story selbst, die immer wieder die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet,
es förmlich darauf anzulegen scheint, gegen soziale Normen zu verstoßen? Oder
vielleicht die Sprache, die einfach nur erzählt, ohne jegliche Ambitionen,
„literarisch anspruchsvoll“ zu sein? Irvine Welsh’ Roman „Trainspotting“ jedenfalls
erfüllt all diese Kriterien und ist sicher das, was man zu Recht einen
Kultroman nennt.
Wer die Verfilmung von Danny Boyle
kennt, weiß, daß sich die Handlung um eine Gruppe von Junkies dreht, die ohne
Job in einem Vorort von Edinburgh ihre Zeit totzuschlagen versuchen. Sie leben
von einem Herointrip zum nächsten („der tausendmal besser ist als der beste
Orgasmus, den du je hattest“), von einer Schlägerei zur anderen. Ab und zu
bekommen sie auch Lust auf Mädchen - dann versuchen sie wieder einmal, vom
„Äitsch“ runterzukommen. Das erstaunliche ist, daß sie - Rents, Sick Boy, Spud,
Begbie und wie sie alle heißen - bei all ihrer Grobheit und zynischer
Weltabkehr sympathisch bleiben. Sie sind nicht die großen Versager, die Opfer
des Heroins. Es ist kein Schmerz, den sie mit Heroin betäuben müssen; es war
nicht das Elend, das sie in die Sucht getrieben hat. Sie haben sich fürs
Rauschgift entschieden, und wenn sie sich den Regeln des Junkie-Lebens
unterwerfen, ist das zugleich ihre Befreiung aus den Bedingungen von Herkunft,
Bildung, sozialem Stand, welchen sie mit Fleiß und Strebsamkeit nicht entkommen
können.
Der Roman vermeidet Klischees: Hier
werden weder die Junkies noch deren Erzeuger verteufelt. Nirgends ein erhobener
Zeigefinger, keine altklugen Belehrungen. Es wird erzählt, manchmal hastig,
voller Energie - dann wieder ruhiger, fast melancholisch. Erzählt vom stupiden
Irrsinn des Alltags, vom Glücksgefühl während eines Trips, erzählt auch von den
Ängsten vor AIDS. Vor allem wenn es um AIDS geht, ist das Buch eindringlicher
als der Film, der in seiner Pointenjagd allzu häufig an einen Videoclip
erinnert. Das Buch aber nimmt sich wenn nötig Zeit, länger zu verweilen,
Abgründe auszuloten. So etwa in dem herausragenden Kapitel, in dem von der
teuflischen Rache eines HIV-Infizierten an einem Sterbenden erzählt wird.
Gerade diese Stellen sind es, die den Roman zum Spiegelbild einer kaputten
Gesellschaft machen.
„Trainspotting“ bietet einen
unverhüllten Einblick in die Welt der Generation X, der die Welt des Bürgerlichen
so fremd ist: „Sie lassen es nich zu, daß du dich einfach entschlossen hast,
das, was sie dir zu bieten haben, abzulehnen. Entscheide dich fürs Leben.
Entscheide dich für Hypothekenraten; Waschmaschinen, Autos; entscheide dich
dafür, auf der Couch rumzusitzen und bescheuerte, nervtötende Gameshows anzuglotzen,
während du beschissenes Junkfood in den Mund stopfst. Entscheide dich dafür,
langsam zu verrotten, dich im Pflegeheim vollzupissen und einzuscheißen, daß es
deinen selbstsüchtigen, versauten Blagen, die du in die Welt gesetzt hast,
peinlich ist. Entscheide dich fürs Leben. Also, ich habe mich entschieden, mich
nich fürs Leben zu entscheiden. Wenn die Ärsche damit nich klarkommen, is das
deren Problem.“
Politisch korrekt? Sicherlich nich ...
äh ... nicht! Eben ein Kultroman.
n Irvine Welsh:
Trainspotting. Roman. Aus dem Englischen
von Peter Torberg. Hamburg: Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins 1996. 440
Seiten. 33 Mark.