„O
Herr, gib jedem seinen eignen Tod“, dichtet Rilke im Stundenbuch. „Denn wir
sind nur die Schale und das Blatt. / Der große Tod, den jeder in sich hat, /
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.“ Kein Wunder, daß sich Rilke in
seinen letzten Jahren gegen die ärztliche Diagnose gewehrt hat. Leukämie als
Todesursache, das schien ihm, der das Sterben als Vollendung des Lebens
verstand, nicht würdig genug. Sein Arzt mußte ihm am Ende sogar versichern,
seine Krankheit später nicht als Fall wie tausend andere zu behandeln.
Rilke kann aufatmen. Sein Tod bleibt einzigartig. So
einzigartig wie all die anderen 99 Todesfälle, von denen Natalie Kaufmann in
ihrem „Kleinen Buch der großen Toten“ berichtet. Auf zwei, drei Seiten werden
die letzten Tage berühmter Persönlichkeiten dargestellt, die besonderen
Umstände, unter denen sie starben. Todesursache, letzte Worte und Wünsche, Art
und Ort der Bestattung, Grabinschriften - das Buch ist eine wahre Fundgrube für
alle Friedhofsbesucher. Da stößt man auf Goethes „Mehr Licht“ genauso wie auf
die Wahnbriefe Nietzsches. Der Schierlingsbecher, den Sokrates leeren mußte,
wird ebenso erwähnt wie das Requiem, an dem Mozart bis zu seinem Ende
gearbeitet hat. Doch bei aller Begeisterung fürs Morbide unterliegt Natalie
Kaufmann niemals der Gefahr, die letzten Augenblicke der Großen voller Pathos
zu beschwören. Ihr Buch ist in einem erfrischend schnodderigen Tonfall
geschrieben. Ob Schriftsteller oder Philosoph, ob Bildhauer oder Erfinder - am
Ende ist doch jeder ein Mensch wie du und ich.
Erstaunlich, wie viele Berühmte die Angst plagte,
lebendig begraben zu werden. Sie läßt sich von der Antike bis weit ins letzte
Jahrhundert verfolgen. So hatte Hans Christian Andersen ein Schild mit der
Warnung „Ich bin nicht wirklich tot“ auf seinem Nachttisch stehen. Und in
seinem Testament forderte er die Ärzte dazu auf, im Falle des Todes seine
Pulsadern aufzuschneiden: sicher ist sicher. Den gleichen Wunsch hatte auch
Alfred Nobel. Doch trotz seiner Panik vor dem Scheintod wurde ihm das Leben
nicht selten zur Last. Auf die Frage, welche Inschrift er sich auf seinem
Grabstein wünsche, antwortete der 50jährige: „Alfred Nobel, den Kümmerling
hätte schon bei seinem ersten Schrei ein menschenfreundlicher Geburtshelfer
ersticken müssen.“
Daß man seinen eigenen Tod nicht selbst wählen kann,
wird bei der Lektüre einmal mehr schmerzlich bewußt. So etwa, wenn man von
Sigmund Freuds Gaumenkrebs erfährt, der ihm nicht nur das Sprechen, sondern
schließlich auch den bloßen Umgang mit seiner Umwelt zur demütigenden Qual
machte. Die offene Wunde an seinem Hals roch in den letzten Monaten so
penetrant, daß selbst sein Hund nicht mehr zu ihm kommen wollte. Über Freuds Bett
war ein Moskitonetz gespannt, um ihn vor den Fliegen zu schützen, die der
Gestank anlockte. „Dem Verstorbenen selbst bringen wir ein besonderes Verhalten
entgegen“, hatte Freud einige Jahre zuvor geschrieben, „fast wie eine
Bewunderung für einen, der etwas sehr Schwieriges zustande gebracht hat.“
n Natalie Kaufmann: Das kleine Buch der großen Toten.
100 Todesfälle berühmter Persönlichkeiten. Aus dem Französischen von Ulrich
Kunzmann. Berlin: Ullstein Verlag 1998. 285 Seiten. 16,90 Mark.