Die Kunst des Scheiterns

 

Benjamin Anastas’ Debütroman „Tagebuch eines Versagers“

 

Ein Anti-Held, wie er im Buch steht, der ewige Looser. Dabei ist William eigentlich der Ältere, genau sieben Minuten Vorsprung hat er gegenüber seinem Bruder Clive. Das aber nützt ihm wenig. Während sich Clive zum Bilderbuchbaby entwickelt, die Eltern mit permanentem Lächeln beglückt, bald Sprechen und Laufen lernt und allein aufs Töpfchen geht, wird das Leben für William zu einer Kette ständiger Rückschläge und Niederlagen. Schon das Saugen an der mütterlichen Brust erweist sich als unlösbare Aufgabe. So stolpert er von einer Hürde zur nächsten. „Meine Talente beschränkten sich offenbar darauf, meine Windeln mit einem ätzenden Kleister vollzumachen, der allen Waschmitteln widerstand, und aus vollem Hals zu schreien.“

Über zu wenig Verlierer kann sich die Literatur, zumal die moderne, sicherlich nicht beklagen; die Zahl der tragisch Gescheiterten ist Legion. Selten aber war das Verlieren so unterhaltsam wie im „Tagebuch eines Versagers“ von Benjamin Anastas. Würde wohl so mancher deutsche Autor bei dem Thema im eigenen Nabel pulen und schnell langweilig werden, so inszeniert der dreißigjährige Amerikaner in seinem Debütroman ein Feuerwerk grotesker Situationskomik. Alle Leser, die gerne Kommentare an den Rand kritzeln, seien gewarnt: sie werden aus dem Smiley-Malen nicht mehr herauskommen! J

Mit lakonischem Humor erzählt William vom Konkurrenzkampf mit seinem ungleichen alter Ego Clive. Das Rennen ist freilich schon in der Kindheit entschieden: „Hauptsächlich erinnere ich mich an den immer kleiner werdenden Hinterkopf meines Bruders, der von mir davonkriecht, -läuft und rennt.“ Nur eine Frage der Zeit, bis Clive, der Überflieger, in Harvard landet. William hingegen beginnt sein Studium in „einer so drögen Stadt, daß ich es nicht ertragen kann, sie hier namentlich anzuführen“. Die einzig längere Arbeit, die er dort schreibt, ist eine Abhandlung über - das „Phänomen des Versagens“. Das erste Mal hat William eine Aufgabe gefunden, die ihm angemessen erscheint, und mit ungeahntem Eifer stürzt er sich auf die Bücher. Großen Erfolg aber hat er auch diesmal nicht: „Ich war enttäuscht, als sich kein einziger Zeitschriftenherausgeber für mein keimendes Projekt interessierte, doch meine Forschungen hielten mich auf Trab und boten mir Ablenkung von der Kette gescheiterter Beziehungen, die bis zu meinem Abschluß nicht abriß.“

Schon lange zuvor ist William dem Leser ans Herz gewachsen. Man könnte es den Donald-Duck-Effekt nennen: der Verlierer ist sympathischer als der ewig strahlende Sieger. Und interessanter. Denn während Clive erwartungsgemäß die Karriereleiter erklimmt, erfolgreicher Geschäftsmann und Familienvater wird, stolpert William ziellos durchs Leben und gerät von einer grotesken Situation in die nächste. Da landet er einmal in einer Sekte, deren Führer ein solcher Verlierertyp ist, daß ihn sogar seine Jünger belächeln. Da heiratet er ein anderes Mal eine ausländische Studentin, deren Visum abgelaufen ist und die ihn direkt nach der Eheschließung verläßt. Doch nach all diesen Rückschlägen verliert William niemals die Freude am Leben: „Nie vergessen: Ich bin stolz darauf, ein Versager zu sein, eine Eigenschaft, die durch klinische Tests und meinen Lebenslauf nachgewiesen ist. Bisher hat mich niemand ändern können, und ich sage voraus, daß dies auch in Zukunft niemandem gelingen wird.“ Mit grimmiger Entschlossenheit nimmt William sein Schicksal an. Und bald schon begreift man: Letztlich ist er der Held des Romans.

 

n    Benjamin Anastas: Tagebuch eines Versagers. Roman. Aus dem Amerikanischen von Christian Rochow. Salzburg, Wien: Residenz-Verlag 1999. 160 Seiten. 38 Mark.