Eine Leiche zum Frühstück

 

Angelica Jacobs düsterer Roman „Die Spiegelung“

 

Anna will die Wohnung verlassen, um Milch zu kaufen. Eigentlich ein ganz normaler Vormittag - hinge da nicht eine Tote im Treppenhaus. „Ihre riesigen, toten Augen starrten mich direkt an, und von irgendwo in der Ferne hörte ich Musik über die Häuser ziehen.“ Später werden Anna und ihr Freund Philip erfahren, daß es sich bei der jungen Frau um Rose Hessler handelt. Das ist alles - ein Name, mehr nicht. Wer war Rose? Was hatte sie in den Selbstmord getrieben? Und warum erhängte sie sich gerade vor Annas Tür?

Ein Auftakt wie ein Paukenschlag. Festhalten, es kann spannend werden! Wie in ihrem viel beachteten Debüt „Das Verlangen“ steht auch im zweiten Roman der Londoner Autorin Angelica Jacob eine Frau im Zentrum der Handlung. Bereits nach wenigen Seiten ist man in die Welt von Anna versetzt. Das Auftauchen der Leiche zerstört ihren geregelten Alltag. Wieder und wieder kreisen Annas Gedanken um Rose. Die Konfrontation mit dem Selbstmord wird für sie zur Projektionsfläche ihrer aktuellen Probleme - der Entfremdung von Philip und der Trauer um ihre kürzlich verstorbene Mutter. 

Da steht plötzlich Luke vor der Tür, Roses Freund. Er sucht nach Gründen für die Tat, befragt Anna und Philip. Die drei verstehen sich auf Anhieb gut. Für ein paar Tagen zieht Luke bei ihnen ein. Doch aus den Tagen werden schnell Wochen, dann Monate. Die Katastrophe ist vorprogrammiert. Zwischen dem Paar und dem Fremden entwickelt sich ein Dreiecksverhältnis auf engstem Raum. „Philip war allmählich besessen von meiner Besessenheit. Ich vermute, wir alle waren irgendwie besessen. Ich von meiner Mutter. Philip von mir. Luke von Rose. Und von Rose ging es wieder zu mir und so weiter und so fort.“

Ein interessanter Plot, keine Frage. Die zunehmende Identifikation Annas mit der Toten wirkt über weite Strecken beklemmend. Als ihr Luke eine Halskette von Rose schenkt, fühlt man sich an Hitchcocks „Vertigo“ erinnert. Nach und nach versucht er Anna in die verlorene Geliebte zu verwandeln. Doch leider liest sich „Die Spiegelung“ keineswegs so spannend wie ein Thriller. Die Handlung mit ihren zahlreichen Wendungen zieht sich in die Länge, wirkt häufig konstruiert. Die Gefühle und Motivationen der Personen werden behauptet, bleiben aber großenteils oberflächlich, nicht selten unglaubwürdig. Viel wird von der Lektüre nicht haften bleiben. Schade, der rasante Start hatte mehr versprochen.

 

n    Angelica Jacob: Die Spiegelung. Roman. Aus dem Englischen von Karin Rausch. Wien: Deuticke Verlag 2000. 240 Seiten. 34 Mark.