Gespräch mit einem Engel

 

Jostein Gaarders schöne und traurige Erzählung „Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort“

 

Die meisten Kritiker sind auf Jostein Gaarder nicht gut zu sprechen. Mit spitzen Fingern greifen sie nach seinen Büchern, so naserümpfend, als hätte er sie persönlich beleidigt. Dabei bleiben die Vorwürfe immer die gleichen: „Sofies Welt“ verniedliche die Geschichte der Philosophie, „Das Kartengeheimnis“ erscheine konstruiert und unglaubwürdig. Auch die gerade erschienene Erzählung „Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort“ sei viel zu sentimental und kitschig, um sie ernst nehmen zu können. Die Kritik freilich wird um so lauter, je schneller ein Buch von Gaarder an die Spitze der Bestsellerliste klettert. Erfolg scheint man dem Philosophielehrer aus Norwegen nicht zu gönnen.

Regen sich die Kritiker aber nicht letztlich deshalb so sehr auf, weil die als Kinderbücher gedachten Werke vor allem von Erwachsenen  gelesen werden? Ist der Grund der schlechten Kritik vielleicht ein falsch verstandenes Ehrgefühl?

Keine Frage: das neue Buch steckt voller Sentimentalitäten, ist streckenweise naiv, manchmal fast kitschig. Dennoch - oder gerade deshalb - ist es ein wunderschönes Buch! Es ist und bleibt ein Kinderbuch (wie auch die beiden früheren Romane Kinderbücher sind) und sollte daher auch als solches kritisiert werden. Was soll der Vorwurf der Sentimentalität? Haben nicht einmal mehr die Kinder das Recht auf etwas Wärme in einer immer zynischer werdenden Welt?

Gaarder wagt sich an ein Thema heran, das wir nur allzu gern verdrängen. Die kleine Cecilie liegt krank im Bett. Sie leidet an Krebs und wird das baldige Neujahrsfest nicht mehr erleben. Ihre Familie, allen voran die Großmutter, kümmert sich rührend um sie, alle möchten Cecilie das letzte Weihnachten so angenehm wie möglich gestalten. Doch eigentlich kann ihr in der ausweglosen Situation niemand helfen: den letzten, den schwersten Weg muß sie ganz alleine gehen.

Da erscheint plötzlich der Engel Ariel (ob er lediglich einer Fieberphantasie entstammt, würde sich wohl nur ein Erwachsener fragen), um mit Cecilie stundenlang über die Grundfragen des Lebens zu philosophieren. Erst jetzt, dem eigenen Tod so nahe, öffnen sich ihr die Augen für die Wunder der Welt. „Irgendein Dussel hat gesagt, es ginge vor allem um Sein oder Nichtsein. Und ich glaube immer mehr, daß er recht hat.“ Immer mutiger setzt sich Cecilie mit ihrer Krankheit auseinander; die Angst weicht allmählich einer tieferen Einsicht in den Kreislauf von Geburt und Tod. Bald begreift sie, daß der Mensch nicht alles begreifen kann: „Wir sehen alles durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort. Manchmal können wir durch den Spiegel schauen und ein wenig von dem entdecken, was sich auf der anderen Seite befindet. Aber wenn wir den Spiegel ganz sauber wischten, würden wir viel mehr sehen. Nur könnten wir uns dann nicht mehr selbst erkennen ...“

Eine Geschichte für Kinder. Aber auch für Erwachsene, die den Sinn für das Wunder des Lebens noch nicht verloren haben. Gerade wer sich für Philosophie interessiert, wird Gaarders Erzählung genießen. Es tut gut, inmitten der abstrakten, häufig völlig abgehobenen Fachliteratur zu einem Buch zu greifen,  in dem das Staunen über die Welt - Voraussetzung allen Philosophierens! - auf jeder Seite derart spürbar ist. Vielleicht finden ja manche Eltern in den besinnlichen Wochen die Zeit, das Buch mit ihren Kindern gemeinsam zu lesen. Dann freilich sollten sie sich nicht wundern, wenn sie noch so manches dazulernen werden. Denn wie sagte schon Karl Jaspers: die wahren Philosophen sind die Kinder.

 

n    Jostein Gaarder: Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort. Roman. München: Hanser 1996. 155 Seiten. 29,80 Mark.