Simplicissimus in Auschwitz

 

„Der Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész entmythologisiert den Holocaust und offenbart dadurch dessen eigentlichen Schrecken

 

„Es war die mir liebste Stunde im Lager, und ein schneidendes, schmerzliches, vergebliches Gefühl ergriff mich: Heimweh.“ Die Worte eines ehemaligen KZ-Häftlings, der mit knapper Not dem Holocaust entkommen ist und nun in seiner Heimatstadt nach langer Zeit das erste Mal wieder auf eigenen Füßen steht. Keine euphorische Freude angesichts der wiedergewonnenen Freiheit, keine Haßgefühle gegen die SS-Schergen, nicht einmal das Gefühl einer existentiellen Leere nach all der erlittenen Pein: nur Heimweh - Heimweh nach dem „reineren und schlichteren Leben“ im KZ. „Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war.“

Imre Kertész macht es seinen Lesern nicht leicht. Nach dem Erscheinen 1975 in Ungarn zuerst totgeschwiegen, wurde dem „Roman eines Schicksallosen“ später vorgeworfen, daß er die Opfer des Naziterrors mit seinem kalten Zynismus verhöhne. Und wirklich: Zu fremdartig, zu eigenwillig erscheint der Text, als daß er ohne Probleme in die lange Reihe der Holocaust-Literatur, etwa der Romane von Primo Levi oder Jorge Semprun, gestellt werden könnte. Er entzieht sich einer voreiligen Kategorisierung, zwingt den Leser zur geduldigen, behutsamen Annäherung.

Dabei ist die eigentliche Handlung in wenigen Sätzen erzählt: Der fünfzehnjährige Ich-Erzähler wird eines Tages von der SS aufgegriffen und mit einigen seiner Arbeitskollegen nach Auschwitz deportiert. Er übersteht die Selektion, wird nach dreitägigem Aufenthalt in das KZ Buchenwald geschickt und gelangt von dort schließlich in das Arbeitslager Zeitz. Eine schwere Erkrankung macht ihn für die restliche Zeit bis zur Befreiung bettlägrig. Letztlich gelingt ihm die Rückkehr in seine Heimatstadt Budapest, wo er auf einmal mit dem Unverständnis der Menschen konfrontiert ist. Damit ist der grobe Handlungsverlauf skizziert - und überhaupt nichts ausgesagt. Denn freilich ist das Besondere an Kertész’ Roman die Art, wie er den Holocaust darstellt. Konsequent aus der Perspektive des Jungen werden die Erlebnisse geschildert, deren schreckliche Bedeutung erst nach und nach offenbar werden. Mit ähnlich kindlicher Naivität wie Simplicissimus in Grimmelshausens Roman steht auch er dem Einbruch des Terrors gegenüber, hat in seinen bisherigen 15 Jahren zu wenig erlebt und gelernt, um seine Situation richtig deuten zu können. So bewundert er auf der Selektionsrampe von Auschwitz die „schmucken Uniformen der deutschen Soldaten“, die „als einzige in diesem Durcheinander ruhig und fest“ wirkten, und fragt sich, was die Gefangenen - „die Sträflinge“ - wohl verbrochen hätten, nicht ahnend, daß auch er bereits zu ihnen gehörte. Zu fremd, zu absurd ist die Realität der Vernichtungsmaschinerie, als daß er sie auch nur ansatzweise hätte erahnen können. Erst „Schritt nach Schritt“ - einem diabolischen Puzzle gleich - offenbart sich dem Jungen die wahre Fratze von Auschwitz. Doch selbst jetzt kann er die Bedeutung des Erlebten nicht begreifen: „Da, gegenüber“, erzählt er so unbeteiligt, als berichte er über das Wetter, „verbrannten in diesem Augenblick unsere Reisegefährten aus der Eisenbahn, alle, die im Auto hatten mitfahren wollen, und all die, die sich vor dem Arzt aus Alters- oder anderen Gründen als untauglich erwiesen hatten, genauso die Kleinen und mit ihnen die Mütter.“

Kertész’ scheinbar so skandalöser und pietätloser Roman ist bei genauer Lektüre eine außerordentliche Studie über die psychische Verstümmelung von Menschen in totalitären Institutionen: selten zuvor wurde die absolute Ohnmacht, die körperliche wie geistige Abhängigkeit der KZ-Insassen derart konsequent ausgelotet wie hier. Opfer und Täter werden zu bloßen Marionetten eines perfiden Systems, das durch jede einzelne Handlung an Macht und Starrheit gewinnt. An einem Ort, wo Werte wie „gut“ und „richtig“ pervertiert werden, wäre jeder moralische Ansatz einer Beschreibung fehl am Platz - nur eine wertfreie, eine zynisch-kalte Abbildung des Geschehens ist noch möglich. Nicht nur aus autobiographischen Gründen, sondern wohl auch, um die Entwicklung einer noch kaum geformten - einer „schicksallosen“ - Psyche angesichts derartigen Terrors beschreiben und gerade dadurch das wahre Wesen des Holocaust aufzeigen zu können, hat sich Kertész für einen erst 15jährigen Protagonisten entschieden. Dabei tritt er mit aller Bestimmtheit dem „Mythos Auschwitz“ entgegen, der so oft in Literatur und Geschichte beschworen wird und leicht aus dem Bereich des Menschlichen in die viel bequemere Sphäre des Unfaßbaren zu entschweben droht. Es ist zu einfach, so ruft er uns zu, Auschwitz als „Hölle auf Erden“ zu sehen, die wir sowieso niemals begreifen werden. Trotz all der anonymen Autonomie war der Holocaust etwas sehr Menschliches, etwas allzu Menschliches: „Einer kommt dann auf die Idee mit dem Gas: ein anderer dann gleich auf die Idee mit dem Bad, ein dritter auf die mit der Seife, ein vierter wiederum fügt die Blumen hinzu, und so weiter. Sie waren von ihren Sitzen hochgeschnellt (ich weiß nicht, warum mir das wichtig war, aber sie schnellten hoch) und hatten sich an den Händen gefaßt - all das ließ sich lebhaft vorstellen. Die Ideen der Befehlshaber werden dann mittels vieler emsiger Hände, eifriger Betriebsamkeit verwirklicht.“ Die „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt auf der Seite der Schreibtischtäter wie Eichmann beschrieben hat, läßt sich bis auf die unterste Befehlsstufe der SS-Soldaten verfolgen. Der Holocaust - dafür will uns der Roman die Augen öffnen - war keine bloße Seuche, die plötzlich und unvorbereitet über ein Volk eingebrochen ist; der Holocaust war das Resultat von Handlungen, zu denen unzählige Menschen in diesem Jahrhundert fähig waren.

Inmitten der aktuellen Literatur, die dem Warum von Auschwitz mit präziser Wissenschaftlichkeit näherkommen will und immer mehr zu einem Stellungskampf verschiedener Interpretationsansätze (man denke nur an die aktuelle Debatte über Daniel Jonah Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“) zu mutieren droht, rückt der „Roman eines Schicksallosen“ das damalige Grauen erneut ins Zentrum unseres Blickwinkels.

 

n    Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen. Roman. Berlin: Rowohlt 1996. 288 Seiten. 38 Mark.