Norman Ohler fragt in der „Quotenmaschine“ nach den Möglichkeiten der Literatur im Internet
Das Problematische an Norman Ohlers Roman ist das
Buch; die brav gebundenen 300 Seiten, jeder einzelne Buchstabe, schwarz auf
weiß. Denn just dieses Buch sagt dem Medium Buch den Kampf an, jener Erfindung,
die seit mehr als einem halben Jahrtausend einen Siegeszug um die Welt hält.
Von der Handlung her ähnelt „Die
Quotenmaschine“ einem Cyperpunkroman in der Tradition von William Gibsons
„Neuromancer“: Es geht um die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der eigenen Identität
in einer kalten, unmenschlich gewordenen Welt, um vereinsamte Individuen, gefangen
in virtuellen Realitäten der Computernetze und Drogenekstasen. Der stumme
Detektiv Maxx Rutenberg, postmoderner Nachfolger des Erfinders des Buchdruckes,
bearbeitet einen Mordfall, in dem er selbst der Mörder ist. Je weiter er in dem
Dschungel der Computerwelten vordringt, desto beklemmender wird das Gefühl seiner
Ausweglosigkeit. Aus aneinandergereihten Gedankenfetzen und Beschreibungen, aus
realen Dialogen, Chats im Cyperspace (= Klatsch via Computer) und E-Mails
entsteht im Leser allmählich ein Gesamtbild. Immer deutlicher wird, daß Maxx
früher Ray war, der als Embryo aus einem klinisch toten Mutterleib geboren und
deshalb sogleich zum Star einer sensationsgeilen Medienwelt wurde. Ähnlich wie
Frankensteins Monster leidet auch er unter dem Wissen seiner Entstehung, verwendet
seine ganze Energie darauf, seinen Schöpfer, den Wissenschaftler Dr. Kippler,
aufzuspüren und zu vernichten. Erst durch dessen Tod, so hofft er, kann er
Frieden mit seiner eigenen Identität schließen.
Dies ist der rote Faden der Handlung,
die aber durch die Vermengung von verschiedenen Perspektiven und Realitäten zu
einem Kaleidoskop der Impressionen wird. Die Lektüre des Romans gleicht einem
Gang durch eine virtuelle Geisterbahn. Denn Maxx Rutenberg, zurückgeschreckt
vor der schier unüberwindbaren Aufgabe seiner Vergangenheitsbewältigung,
überantwortet seine Geschichte dem weltumspannenden Internet, auf daß sie von
Tausenden, ja Millionen anderer Menschen weitergesponnen würde. Ein neuer
Mythos soll entstehen, ein postmoderner Odysseus im Internet, erdacht von der gesamten
vernetzten Menschheit. Freilich überrollen diese neuen Realitäten bald schon
die ursprüngliche Realität, verschiedene Wirklichkeitsebenen überschneiden sich
schließlich, bis die Frage nach letzter Wahrheit derart absurd wird, daß sich
Maxx von seiner eigenen Geschichte zurückzieht, sie gleichsam in die
unbegrenzte Freiheit des Internet entläßt: „Sie schraubt sich in immer
komplexere Höhen, weit und weiter vom Grund weg, und dort oben ist kein
Sauerstoff, da ist: totale Freiheit und
mehr, da ist alles außer Greifweite, da befreit sich die Geschichte von
einem Rahmen nach dem anderen, ist nicht mehr zu bremsen, nicht mehr zu
steuern, sie rast in Entropie, um irgendwann selbst in den nötigen Lärm des Fötusurbanrauschens
einzugehen: zu nichtgreifbarer narrativer Energie zu werden.“
Nach diesen letzten Sätzen ist die
Geschichte paradoxerweise zu Ende, das Buch wird zugeklappt und ins Regal
gestellt. Der Text ist in letzter Konsequenz nur im Internet selbst sinnvoll,
wo er auch tatsächlich bereits veröffentlicht wurde und bald schon in einer
aktualisierten Form erscheinen soll, auf daß er sich schließlich von seinem
Schöpfer mit jeder neuen Erweiterung Schritt für Schritt, Hypertext für Hypertext
weiter enferne. Womit wir wieder am Anfang dieser Rezension wären: Das
Problematische an Norman Ohlers Roman ist das Buch.
n Norman Ohler: Die Quotenmaschine. Roman. Hamburg:
Hoffmann und Campe 1996. 288 Seiten. 38 Mark.