Traumprotokolle aus der Kindheit

 

Felicitas Hoppes meisterhafte Kurzprosa „Picknick der Friseure“

 

Vor Jahrzehnten irritierte der französische Maler Jean Dubuffet den Betrachter mit seinen „gekritzelten“ Landschaftsbildern. Krakelhaft und unbeholfen wie die ersten Malversuche von ABC-Schützen wirken seine Menschen, Bäume und Häuser - und werden gerade dadurch zu Wegweisern in die uns allzu fremd gewordene Welt der Kindheit. Nun nimmt uns Felicitas Hoppe in dem Bändchen „Picknick der Friseure“ an die Hand und gewährt uns in den meisten ihrer 20 Geschichten einen Blick in die manchmal fröhlichen, häufig grausamen Traumlandschaften von Kindern.

Die Texte sind schwer zu beschreiben: es sind Skizzen, Miniaturen, meist nur vier oder fünf Seiten lang. Oft sind sie so rätselhaft und abgründig, daß man kaum noch weiß, was man eigentlich gelesen hat. Vergessen allerdings kann man sie nicht. Sie gleichen Traumprotokollen, freilich hochliterarischen, in denen eine ganz andere, eine surreale Logik herrscht. Doch bei all den offenbleibenden Fragen, bei allen ungelösten Rätseln - während der Lektüre spürt man förmlich, daß jeder einzelne Satz, jedes einzelne Wort an seinem richtigen Platz steht!

In der Titelgeschichte erwartet eine Gruppe von Kindern die Friseure, die jedes Jahr im Stadtpark ein Picknick, ein üppiges Gelage abhalten. Halb fasziniert, halb verängstigt liegen die Kinder hinter einem Gebüsch auf Lauer, um die Ausgelassenheit der Männer zu bewundern, die bei den übrigen Erwachsenen der Stadt verhaßt sind, stören sie doch die sterile, geschäftsmäßige Ordnung. „Mit Kahlköpfen speisen, das bringt kein Glück, sagte unsere Großmutter und rümpfte die Nase, als hinge ein Unglück in der Luft. Sie schnitt uns die Haare nach eigener Art mit stumpfer Schere kreuz und quer, wer wollte schon schön sein bei solchem Wetter. Sie verhängte die Fenster mit schweren Tüchern, wenn die Friseure vorbeizogen, und nagelte Bretter vor die Tür. Aber wir entwischten durch den Keller und hörten sie hinter uns keifen, als wir die Straße herunterjagten.“ So dick die Tücher und Bretter auch sind - die ungestüme Lebensfreude des Kindes läßt sich nicht einsperren, findet einen Fluchtweg aus den beengenden Häusern der Erwachsenen. Gerade in dieser Geschichte gelingt es Felicitas Hoppe, die geheimnisvolle Atmosphäre der Kindheit zu beschwören - und nicht selten denkt man an die frühen Prosaskizzen Franz Kafkas, besonders an dessen melancholische Betrachtung „Kinder auf der Landstraße“.

Flucht aus der feindlichen Welt der Erwachsenen in das Reich der Phantasie ist auch das Motiv der meisten anderen Geschichten. Flucht aus einer Welt, die durch die strengen Regeln und Rituale aller Lebendigkeit beraubt ist und in der längst schon stumpfe Gewalt und Ungerechtigkeit eingezogen sind. In der Geschichte „Der Balkon“ erscheint gar noch das tote Kind, das von der Familie in den Sarg gelegt wird, lebendiger als die Erwachsenen, die wie Puppen in ihrer kalten Gefühllosigkeit stecken. Nein, diese Welt hat den Kindern nichts zu bieten, und so bleiben ihnen in ihrer Hilflosigkeit nur die Träume, in die sie sich wie in eine Ritterrüstung zurückziehen. „Ich kam in Rüstung auf die Welt“, heißt es in einer Geschichte, „und kenne den Zustand der Schwerelosigkeit auch schwimmend im Mutterleib nicht.“

Die Prosastücke Felicitas Hoppes erscheinen wie ein vielstimmiges Flüstern aus einer anderen Welt, das auch viele Wochen nach der Lektüre noch nicht verstummt sein wird. Und vielleicht mögen sie uns gar helfen, unseren scheinbar so tristen Alltag ab und zu aus einer wiedergefundenen kindlichen Perspektive zu betrachten und - zu bestaunen.

 

n    Felicitas Hoppe: Picknick der Friseure. Geschichten. Reinbek: Rowohlt 1996. 92 Seiten. 28 Mark.