Knapp
zwei Jahre nach Niklas Luhmanns Tod hat sein Denken die Grenzen der Soziologie
längst übersprungen. Zu universell ist die Systemtheorie - Luhmann selbst
bezeichnete sie als „Supertheorie“ -, als daß sie von den anderen
Wissenschaftszweigen hätte ignoriert werden können. Gerade auch die
Monographien, die einzelne Funktionssysteme der ausdifferenzierten Gesellschaft
- z.B. das Recht, die Wirtschaft oder die Kunst - systemtheoretisch beobachten,
lassen sich als Herausforderung, gar als Provokation der Vertreter genannter
Fachrichtungen auffassen. Luhmanns Wirkung beschränkt sich also keineswegs nur
auf Gebiete wie die Literaturwissenschaft oder die Philosophie. Das gesamte
Wissenschaftsspektrum scheint vom Paradigmenwechsel betroffen zu sein. Um so
interessanter ist der von Helga Gripp-Hagelstange herausgegebene Band „Niklas
Luhmanns Denken“, in dem dessen „Interdisziplinäre Einflüsse und Wirkungen“
dargestellt werden.
Eines vorweg: die Lektüre der 260 Seiten lohnt sich.
Die neun Aufsätze nähern sich der Systemtheorie von einer jeweils anderen Seite
und verhelfen dadurch zu einem tieferen Verständnis spezieller Fragestellungen.
Dabei aber wirkt die Auswahl der Beiträge nicht immer stringent. Wie in
Sammelbänden leider nicht selten, lassen sich auch hier einige Texte dem im
Untertitel vorgegebenen Motto des Buchs nicht ohne weiteres zuordnen.
So bemüht sich Armin Nassehi in seinem Beitrag
„Tempus fugit?“ um eine systemtheoretische Beschreibung des Zeit-Begriffs und
gelangt dabei zu Ergebnissen, die Luhmanns Überlegungen konsequent
weiterführen. Einen „interdisziplinären“ Ansatz verfolgt Nassehi allerdings
nicht. Sieht man von seinen Rückblicken auf die philosophische Tradition ab,
von deren ontologischer Zeitvorstellung er sich verabschiedet, bewegt sich
seine Argumentation streng in den Grenzen Luhmannscher Systematik.
Auch Peter Fuchs, einer der bekanntesten Schüler
Luhmanns, stellt in seinem Aufsatz „Die Skepsis der Systeme“ keinen konkreten
Einfluß der Systemtheorie dar. Ihm geht es um Klärung des
Theorie/Praxis-Problems aus systemtheoretischer Sicht. Gerade vor dem
Hintergrund der anderen Beiträge, die Luhmanns Denken wiederholt Praxisferne
vorwerfen, sind seine Ausführungen aufschlußreich. Ähnlich wie Nassehi lehnt
auch Fuchs alle ontologischen Implikationen ab und behandelt Theorie und Praxis
als zwei sich gegenseitig bedingende Seiten einer Beobachtung. „Die Praxis ist
keine Seinsdomäne sui generis, sie ist selbst ein Beobachtungsartefakt. Sie hat
als Effekt eines spezifischen Schema-Einsatzes keine wie immer geartete
Priorität, ihr kommt keine Sonderkraft oder Sonderrealität zu.“
Dies gilt auch und gerade für Disziplinen, die einen
eher praxisorientierten Zugang zur Systemtheorie suchen. Überzeugend führt
Theodor M. Bardmann dem Leser vor Augen, welch ein Erkenntnisgewinn zu erzielen
ist, wenn die Vorgehensweise und Probleme Sozialer Arbeit mit Hilfe der
Systemtheorie - er stützt sich insbesondere auf die Begriffe der Inklusion und
Exklusion - einer Reflexion unterzogen werden. Ähnlich geht auch Rainer Wagner
vor, wenn er den Nutzen einer systemtheoretischen Analyse für die
Unternehmensberatung darstellt. Daß die Systemtheorie auch von der
Psychotherapie wahrgenommen wurde und teilweise bereits Eingang in deren
Methodik gefunden hat, zeigt Kurt Ludewig, der die Grundzüge der Systemischen
Therapie, einer vergleichsweise jungen und explizit wissenschaftsorientierten
Richtung der Psychotherapie, skizziert. Dabei verzichtet er allerdings darauf,
den Einfluß der Systemtheorie anhand konkreter Fragestellungen zu
demonstrieren; sein Blick auf das „Erbe Luhmanns“ besteht im wesentlichen aus
der Schilderung persönlicher Leseerfahrungen und Erinnerungen an ihn.
Aufschlußreicher sind die Aufsätze über das
Verhältnis von Systemtheorie und Theologie (Hans-Ulrich Dallmann), Recht (Udo
Di Fabio), Journalismus (Siegfried Weischenberg) und Ökonomische Theorie (Otto
F. Bode). Diese Autoren stellen nicht nur den Entwicklungsstand ihrer eigenen
Forschungsrichtung vor, sondern fassen auch Luhmanns Einschätzung der jeweils
betroffenen Funktionssysteme zusammen. So hat der Leser zusätzlich die
Möglichkeit, sich einen ersten Überblick über spezielle Teilbereiche der
Systemtheorie zu beschaffen, ohne sich gleich an die Primärliteratur wagen zu
müssen.
Erfreulich an vorliegendem Sammelband ist, daß sich
die Autoren der Systemtheorie zwar überwiegend affirmativ, keineswegs aber
unkritisch nähern. Das ist im Hinblick auf vergleichbare Veröffentlichungen, in
denen Luhmanns Sätze als nicht mehr zu hinterfragende Offenbarung angeführt
werden, besonders hervorzuheben.
So rekapituliert Hans-Ulrich Dallmann in „Immanenz,
Transzendenz, Kontingenz“, einem der informativsten Beiträge des Buchs, zuerst
Luhmanns Analyse der Religion (er konzentriert sich dabei auf die Bestimmung
von Funktion und Codierung); stellt danach einige Beispiele theologischer
Luhmannrezeption vor (etwa Karl-Wilhelm Dahms Funktionale Kirchentheorie); um
abschließend kritische Einwände zu formulieren. Problematisch sei
beispielsweise, daß Luhmann in seinen Texten ein Bild der Religion voraussetze,
das dem - komplexeren - Religionsverständnis der Theologie nicht gerecht werde:
„Es geht mir hier nicht darum, einem Soziologen mangelnde theologische
Kenntnisse vorzuwerfen - was auch absurd wäre, denn die historischen
Interpretationen Luhmanns sprechen für sich -, sondern eher darum, daß seine
Bestimmung der Besonderheiten religiöser Kommunikation an einem Modell gebildet
wurde, das in der theologischen Entwicklung als überholt gelten kann.“ Ein
Einwand, den auch überzeugte Systemtheoretiker nicht unbesehen zurückweisen
sollten, zumal er in ähnlicher Form auch von Vertretern anderer Disziplinen
erhoben wird.
Trotz dieser Kritik an Luhmann verdeutlichen die
meisten der Beiträge, wie einflußreich sein Denken auch für Disziplinen
außerhalb der Soziologie geworden ist. Auch wenn die Rezeption seiner Werke
noch ganz am Anfang steht, zeichnet sich doch bereits heute der heuristische
Wert einer systemtheoretischen Betrachtung für andere Wissenschaftszweige ab.
Zu wünschen ist freilich, daß der Einfluß nicht einseitig wirkt. Auch die
Systemtheorie, deren Ausformulierung nach Luhmanns Tod längst nicht beendet
ist, sollte und muß sich von den anderen Wissenschaften irritieren lassen, will
sie der Gefahr der dogmatischen Erstarrung entgehen.
n Helga Gripp-Hagelstange: Niklas Luhmanns Denken.
Interdisziplinäre Einflüsse und Wirkungen. Konstanz: Universitätsverlag
Konstanz. 260 Seiten. 17,90 Euro.