Nietzsche
war der Meister des pointiert formulierten Gedankens. „Mein Ehrgeiz ist, in
zehn Sätzen zu sagen, was jeder Andere in einem Buche sagt, - was jeder Andere
in einem Buche nicht sagt ...“ So
gleicht sein Werk einem gigantischen Steinbruch aus Aphorismen, Ideen und
Reflexionen, einer Fundgrube, aus der sich Generationen von
Geisteswissenschaftlern bedient haben. Bis zum heutigen Tag, denn auch 100
Jahren nach seinem Tod - in den Zeiten von Postmoderne und Jahrtausendwende -
erscheint sein Denken höchst aktuell. Die gezielte Suche nach Textstellen aus
Nietzsches Œuvre erleichtern nun drei kürzlich erschienene
Nachschlagewerke.
Das „Nietzsche-ABC“ aus der populären Reclam-Reihe
ist jedem zu empfehlen, der sich dem Philosophen auf unterhaltsame Weise nähern
möchte. In über 170 Artikeln werden Nietzsches Leben und Werk vorgestellt.
Dabei beschränkt sich Bernhard Taureck keineswegs nur auf die zentralen
Begriffe wie „Tod Gottes“, „Ewige Wiederkehr“ oder „Übermensch“. Gerade
ausgefallene Stichworte wie „Gerüchte über Nietzsches Tod“ oder „Berühmt
werden“, aber auch Anekdoten aus Nietzsches Internatszeit garantieren eine
spannende, häufig überraschende Lektüre. Illustriert werden die Erklärungen
einerseits durch ausführliche Zitate aus Nietzsches Werk (leider fehlen
bibliographische Angaben!), andererseits durch Briefe und Erinnerungen der
Freunde wie Paul Deussen, Paul Rée oder Lou Andreas-Salomé.
Besonderes Augenmerk richtet Taureck auf
intertextuelle Bezüge. „Der leicht lesbare Nietzsche überfordert seine
Interpreten nicht nur durch seine Widersprüche und die Hypertrophie seiner
Bilder, sondern auch durch seine oft versteckten Bezugnahmen auf Texte anderer
Autoren. Seine intertextuelle Praxis gehört zu Nietzsches großen
Provokationen.“ So finden sich im Lexikon zahlreiche Artikel zu anderen
Philosophen und Dichtern, zu Künstlern und Komponisten, die Nietzsche
nachhaltig beeinflußt haben. Doch leserfreundlich ist die Auswahl der Stichworte
nicht immer: Der Eintrag zu Schopenhauer, Nietzsches wichtigsten Inspirator,
verbirgt sich etwa unter dem Titel „Dies Buch“, eine Anspielung auf
Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Fazit: Das „Nietzsche-ABC“
eignet sich zum gemütlichen Schmökern - kaum aber zum schnellen Nachschlagen.
Sucht man nach konkreten Textstellen oder möchte man
wissen, ob Nietzsche zu diesem oder jenem Thema etwas zu sagen hatte, ist das
„Lexikon der Nietzsche-Zitate“ weit mehr zu empfehlen. Das Werk stellt alle
bislang erschienenen Nietzsche-Beviers - quantitativ und konzeptionell - in den
Schatten. Johann Prossliner hat aus Nietzsches (zu Lebzeiten veröffentlichten)
Werk über 2300 Zitate zusammengetragen und nicht nur alphabetisch aufgereiht,
sondern thematisch gruppiert. So gewinnt man die Möglichkeit, die Gedankenwelt
Nietzsches in 12 Kapiteln - von „Ich, Nietzsche“ über „Völker und Zeiten“ bis
hin zu „Privatleben“ - ohne großen Aufwand zu inspizieren. Die Reihenfolge der
einzelnen Zitate innerhalb eines Themas richtet sich nach der Chronologie der
Entstehung, so daß sich Nietzsches Entwicklung leicht verfolgen läßt. Das
umfangreiche Register (es umfaßt über 35000 Stichwörter) macht die gezielte
Suche nach Zitaten besonders einfach.
Doch die beste und schnellste Methode, eine Stelle in
Nietzsches Labyrinth zu finden, bietet der Computer. Bei der Berliner
„Digitalen Bibliothek“, die seit einigen Jahren Textsammlungen von Dichtern und
Philosophen auf CD-Rom auf den Markt bringt, sind nun auch die Werke Nietzsches
erhältlich. Zu einem erfreulich günstigen Preis: auf der Scheibe verbergen sich
über 11000 Seiten! Wie von der „Digitalen Bibliothek“ nicht anders gewohnt,
lassen die Such- und Verknüpfungsmöglichkeiten der Software keine Wünsche
offen. Namen, Begriffe, Wörter können kombiniert gesucht und im Zusammenhang
studiert werden. Textstellen lassen sich markieren und kommentieren, ein
Zettelkasten ist mühelos anzulegen. Die Edition basiert auf der Studienausgabe
von Karl Schlechta, die Nietzsches Werk erstmals auf einer gesicherten
Textgrundlage präsentierte. Sie enthält ungekürzt sämtliche zu Lebzeiten
erschienenen Schriften Nietzsches, alle wichtigen Werke aus dem Nachlaß sowie
eine kommentierte Auswahl seiner Briefe. Außerdem findet sich auf der CD-Rom die
dreibändige Nietzsche-Biographie von Curt Paul Janz mit zahlreichen
Abbildungen.
n Bernhard H.F. Taureck: Nietzsche-ABC. Leipzig: Reclam
Verlag 1999. 256 Seiten. 18 Mark.
n Johann Prossliner (Hg.): Licht wird alles, was ich
fasse. Lexikon der Nietzsche-Zitate. München: Kastell Verlag 1999. 416 Seiten.
49,80 Mark (Originalausgabe), 29,90 Mark (Studienausgabe)
n Friedrich Nietzsche: Werke. Digitale Bibliothek, Band
31. Berlin 2000. Ca. 11000 Seiten. 99 Mark.