Warten auf den großen Knall

 

Heiko Michael Hartmanns rabenschwarze Satire „MOI“

 

Wir müssen uns beeilen, denn unser Held kann jeden Augenblick platzen. Ein gewaltiges „Ppooh!“ oder nur ein leises „Plöbb“ - so genau weiß er das nicht -, und schon wird er zum Verdruß des Reinigungspersonals von den Wänden tropfen. Angst vor dem Tod hat er eigentlich nicht, er ist eher neugierig. Was kann ihm das Leben auch noch bieten - so ganz ohne Arme und Beine! Nur noch ein aufgeblähter Rumpf mit einem ballonförmigen Kopf.

Besonders zu mögen scheint Heiko Michael Hartmann seine Hauptfigur nicht. Er verpaßt ihr nicht nur den Namen Fred Openkör („Kein vernünftiger Mensch heißt so.“), sondern obendrein die heimtückische Viruserkrankung MOI. Ausgerechnet die neuen Euro-Scheine sind die Überträger der Seuche, die just zur Jahrtausendwende ganz Europa zu schaffen macht. BSE des Goldenen Kalbs, wenn man so will.

Ein Genuß, mit welchem Witz Hartmann eine heilige Kuh nach der anderen schlachtet! „MOI“, sein erster Roman, ist die gelungene Gratwanderung zwischen philosophischer Reflexion und grotesker Situationskomik. Eine rabenschwarze Satire, die sich keinen Pfifferling um political correctness oder Pietät schert. Gnadenlos wird hier der bundesdeutschen Gesellschaft der Spiegel vorgehalten. Das alles aber niemals bierernst, nicht mit dem Duktus des Oberlehrers, sondern immer mit verständnisvollem Augenzwinkern und voller Selbstironie. Denn wie, so scheint uns Hartmann auf jeder Seite fragen zu wollen, wie sollte man sich in diesen Zeiten auch noch ernst nehmen können?

Sogleich nach Ausbruch der Krankheit zieht es Openkör nach Venedig. Doch die Enttäuschung ist groß: „Alles, was diesem Ort den Ruf einer rauschhaften und todessüchtigen Stadt eingetragen hat, stammt von verunreinigtem Wasser und unterlassener Instandhaltung. Seit Jahrhunderten das alberne, aber einträgliche Dauersterben einer stinkenden und überteuerten Kloake!“ Also nichts mit einem pathetischen Tod in Venedig, ab in ein Fünfbettzimmer im Hessischen. Von Thomas Manns décadent zu Kafkas häßlichem Käfer. Denn Openkörs Körper schwillt nun so schnell an, daß ihm von Woche zu Woche ein Körperteil mehr abgeschnitten wird, bis er schließlich hilflos und stumm der Willkür der anderen ausgeliefert ist. Eigentlich Zeit, dem Tod ins Angesicht zu blicken. Über den Sinn des vergangenen Lebens zu sinnieren. Nach der Sterblichkeit des eigenen Ichs zu fragen.

Wenn es da nicht die Krankenschwestern gäbe, die Openkör immer wieder unsanft aus seinen Reflexionen und Tagträumen reißen: „Soo, die Härrn! Jaa, jaas iss wieda so weit!“ Die Banalität des Krankenhausalltags wird ihm, dem Intellektuellen, zur eigentlichen Hölle. Nicht nur das Pflegepersonal, auch die Mitpatienten und deren Besucher, der Krankenhauspfarrer und der Sozialtherapeut „Ich-bin-der-Klaus-von-der-MOI-Hilfe“ - alle sorgen in ihrem Stumpfsinn dafür, daß Openkör es kaum noch erwarten kann, aus dem Leben zu platzen. Vor allem der ewig lärmende Fernsehapparat macht ihn schier wahnsinnig. „Määtschik Wooter! Der neue exklusive Duft von Schah Nell!“

So also sieht das Ende aus: Eingezwängt zwischen fernsehsüchtigen Mitpatienten, die aus lauter Übermut Bonbons durchs Zimmer spucken („Wassndess? Was hammen Sieda auf der Backe?“). Beschallt von hirnlosen Talkshows und Werbespots. Als Versuchskaninchen mißbraucht von wißbegierigen Medizinstudenten, die nach dem Zufallsprinzip auf die Knöpfe der Apparaturen drücken („Ich versuchs nochma mit dehmda.“). Kein feierliches Entschlafen, kein mystischer Übergang ins unendliche Nichts. Anstelle von Mozarts Requiem die Melodie von „Raumschiff Enterpreis“. „Ich werde mich darauf einstellen“, resigniert Openkör, „Ich werde den Unernst des Vorgangs akzeptieren. Ich werde mein Sterben als das unerhebliche Stinkei nehmen, das es ist. Es gibt keinen Gott, der es gewollt, kein Schicksal, das es vorherbestimmt hat. Es handelt sich um eine schlechte Fernsehsendung, nichts Besonderes, allenfalls ein Exzeß an Bedeutungslosigkeit.“

Erst im P-Raum, in der abwaschbaren Sterbezelle, gelangt er schließlich zur ersehnten Ruhe. Nur noch der Krankenhauspfarrer klopft ab und zu an das Bullauge und ruft beschwörend: „Ich sage dir, steh auf, nimm deine Bahre und geh umher!“ Sonst aber ist alles still. Openkör ist alleine mit seinen Gedanken. Philosophiert über die Unwirklichkeit der Wirklichkeit. Über sein eigenes Bewußtsein. Über die Möglichkeit ...

- Plöbb

 

n    Heiko Michael Hartmann: MOI. Roman. München: Hanser 1997. 192 Seiten. 34 Mark.