Jenseits aller Tränen

 

Brigitte Girauds Roman „Das Leben entzwei“

 

„Wir konnten nichts mehr tun.“ Ein Satz, der das Leben schlagartig einteilt in vorher und jetzt. Der einen Schnitt macht – kalt, gnadenlos, unwiderruflich. Der keinen Platz mehr lässt für Hoffnungen und Illusionen. Urplötzlich auf sich gestellt fühlt sich die Erzählerin, hineingestoßen in eine ungewisse Zukunft, als sie vom Tod ihres Mannes erfährt. Als ihr die Ärzte mitteilen müssen, dass sie den Kampf um sein Leben verloren haben. „Er hat mich verlassen, aus Versehen. Und mich hat er zurückgelassen, mit meiner Sehnsucht, meinen Fragen.“

Die französische Schriftstellerin Brigitte Giraud hat ein bewegendes Buch über den plötzlichen Tod ihres Mannes Claude geschrieben. Ausgerechnet an dem Tag, an dem sie in Paris einen soeben erschienenen Roman vorstellt, kommt er, gerade mal vierzig, bei einem Motorradunfall ums Leben. In ihrem Buch „Das Leben entzwei“ erzählt sie davon, wie sie die Nachricht aufgenommen hat, und von den Tagen danach. Sie schildert ihre Besuche im Krankenhaus, in der Autopsie, in der Friedhofsverwaltung. Erzählt, wie schwer – wie unmöglich – es ist, ihrem achtjährigen Sohn die Wahrheit zu sagen. Erzählt von den Gesprächen mit Verwandten und Freunden, die ihr Mut machen wollen, letztlich aber doch hilflos sind. Vom Gespräch mit dem Pfarrer und vom Streit mit dem Organisten, der in der Andacht unbedingt Bach spielen will und über ihre Wünsche einfach hinweggeht.

Vorbereitungen und Entscheidungen müssen getroffen, Fragen beantwortet werden. Brigitte Giraud wird von einer Freundin von einem Termin zum nächsten geführt, lässt sich bereitwillig mitführen. Denn daheim, da lauert die Stille. Nüchtern, wie ferngesteuert erledigt sie ihre Aufgaben, nimmt ihre Umwelt fast emotionslos wahr: „Meine Augen sehen alles, verstehen alles, registrieren, entdecken“, heißt es auf der Beerdigung. „Ich befinde mich in einem Zustand absoluter Klarheit. Ich spreche, ich lächle, ich bedanke mich. Ich weiß, dass ich genau beobachtet werde, dieses eine Mal noch, und kann es kaum erwarten, diesen fragenden Blicken zu entkommen, die nicht die kleinste Träne in meinem Gesicht entdecken können. Doch ich bin jenseits aller Tränen, an einer unbekannten Küste, von der man vielleicht niemals wiederkehrt. Ich bin auf meiner eigenen Insel, abgetrennt von der Welt. Unmöglich für die anderen, mich zu erreichen.“

Diese Distanz, diese Entfremdung ist auf jeder einzelnen Seite zu spüren. Es scheint, als hätte sich Brigittes Seele hinter dem Schutz der Sprache versteckt, um von ihren Gefühlen nicht ganz überwältigt zu werden. Und doch sind sie allgegenwärtig, schwingen mit in jeder scheinbar noch so lapidaren Alltagsbeschreibung: Der unglaubliche Schmerz, die Wut, die Angst vor der Zukunft. Die Einsamkeit. Und die Schuldgefühle, irrational zwar, aber nicht weniger bitter.

Brigitte Girauds Roman, dieses Protokoll einer tiefen Verzweiflung, wird man nicht mehr vergessen. Selten zuvor wurde seelisches Leid in solch einfachen und doch tief berührenden Worten beschrieben. Und nicht wenige Leser wird die Lektüre wachrütteln und daran erinnern, wie zufrieden sie doch eigentlich sind. Denn wie heißt es doch gegen Ende des Buchs: „Es scheint lächerlich, erst dann von Glück zu sprechen, wenn dieses Glück nicht mehr da ist, es erscheint lächerlich, seine Realität erst im Nachhinein zu akzeptieren. Jetzt weiß ich, dass ich glücklich war. Warum ist einem so etwas nicht klar? Warum weiß man es nicht richtig zu schätzen?“                                              

                                                            

n    Brigitte Giraud: Das Leben entzwei. Roman. Aus dem Französischen von Anne Braun. Frankfurt am Main: S. Fischer 2003. 111 Seiten. 14 Euro.