Gerade
einmal 100 Jahre ist es her, als Hofmannsthals Lord Chandos beim Anblick einer
einfachen Gießkanne die „Gegenwart des Unendlichen“ gespürt hat und „von den Wurzeln
der Haare bis ins Mark der Fersen“ von einem Gefühl des Fremden erfaßt worden
ist. Vieles hat sich seither geändert. Dem homo oeconomicus scheint es
zunehmend schwer zu fallen, das Wesen der Dinge zu ergründen; zugegeben auch
keine ganz leichte Aufgabe inmitten von
solch albernen Errungenschaften wie dem elektrischen Kartoffelschäler
oder dem pentium-integrierten Eierkocher.
Eine Ausnahme ist Renato P. Arlati, der in seinem
neuen Buch über das Fremdsein in der Welt reflektiert. „Ich erinnere mich, daß
mich am Morgen, als ich erwacht war und mich zur Arbeit begab, alle Dinge, die
ich sah, verängstigten. Es waren kleine Dinge, die mir große Angst bereiteten
und vor denen im Grunde niemand sich zu fürchten braucht: Gegenstände des
alltäglichen Gebrauchs.“ Für ihn hat das Leben die so sicher geglaubte
Selbstverständlichkeit verloren. Immer wieder erfassen ihn Grenzerfahrungen,
die ihm das Ausgeliefertsein in einer unbegreiflichen Welt schmerzhaft bewußt
machen. Ob Dinge oder Menschen, ob Gespräche oder Beobachtungen: alles löst
sich allmählich in einen Bewußtseinsstrom auf, die Konsistenz der Welt wird
immer massiver in Frage gestellt.
Freilich ist mit einer solchen „Wesensschau“, wie
Husserl es nennen würde, immer auch der Zweifel am eigenen Ich verbunden. So
beschreibt Arlati quälende Identitätsstörungen, die er nur durch Eines
notdürftig übertünchen kann: durch seine Liebe zur Schauspielerin Lena. Sie ist
der archimedische Punkt in seinem Leben, an dem er sich immer wieder aufbaut
und orientiert. „Ich versuche, sie möglichst selten anzurufen: Die
Enttäuschung, die ich empfinde, wenn ich sie zu Hause nicht erreiche, ist sehr
schmerzhaft. Es ist, als würde ich auf mich selbst zurückgeworfen.“
Während der Lektüre ertappt man sich immer wieder bei
der Frage, ob Autor und Erzähler ein und dieselbe Person sind: zu persönlich,
zu privat erscheinen die Gedanken, als daß man sie einer fiktiven Gestalt
zuordnen würde. Renato P. Arlati ist 1936 geboren und lebt seit langem in der
Nähe von Zürich. In diesem Jahr wurde er für sein Werk mit dem Preis der
Schweizerischen Schillerstiftung, dem bedeutendsten Literaturpreis der Schweiz,
ausgezeichnet.
Keine Frage: „Liebe Lena“ ist hochliterarisch. Wer nach einer entspannenden Bettlektüre
sucht, sollte das Buch gar nicht erst
aufschlagen. Die Tagebuchaufzeichnungen und die eingestreuten kurzen Parabeln,
die Gedankensplitter und Gesprächsfetzen bleiben eigenartig unzugänglich. Der
Untertitel „Ein Roman“ führt leicht in die Irre, denn es fehlt jeglicher Ansatz
einer Handlung. Warum auch sollten Ordnung und Chronologie in einen Text
gelangen, der das absurde Chaos dieser Welt zum Thema hat? So glaubt man als
Leser niemals, dem Buch wirklich nahegekommen zu sein, bis zuletzt bleibt es
fremd und rätselhaft - und hat seine Aufgabe gerade deshalb meisterhaft
erfüllt.
n Renato P. Arlati: Liebe
Lena. Ein Roman. Möhlin und Villingen:
Rauhreif Verlag. 110 Seiten. 31 Mark.