Im Land des unbegrenzten Erzählens

 

David Gutersons Erzählungsband „Das Land vor uns, das Land hinter uns“

 

Ein Wunder, daß es solche Geschichten noch gibt. Da wird erzählt, so kraftvoll, so erfrischend naiv, als wäre die Krise der modernen Literatur nur ein Gerede bleicher Professoren. Weit und breit keine Spur vom „Tod der Literatur“ - im Gegenteil: quicklebendig nimmt uns der Erzähler an die Hand und führt uns in die Welt seiner Träume. Schon vor einem Jahr hat David Guterson mit seinem Romandebüt „Schnee, der auf Zedern fällt“ aufmerksam auf sich gemacht. Sein poetischer, leidenschaftlicher Stil, die geradlinige Story, die Natur als Kulisse - all das erinnert an die großen amerikanischen Erzähler dieses Jahrhunderts: an Faulkner oder an Steinbeck.

Doch vor allem der Geist Hemingways ist auf jeder Seite von Gutersons nun erschienenen Erzählungen spürbar. Wie im „Alten Mann und das Meer“ nimmt die Landschaft, die Natur, eine tragende Rolle in der Handlung ein, läßt den Menschen zum Spielball gewaltiger Mächte werden. Dabei sind Gutersons Landschaftsschilderungen nur die parabelhafte Ausgestaltung des eigentlichen Themas: Im Zentrum der meisten Erzählungen steht ein Junge auf der Schwelle zur Welt der Erwachsenen, genau zwischen der ungewissen Zukunft, dem „Land vor uns“, und der noch nicht vergessenen Kindheit, dem „Land hinter uns“.

Voller Melancholie, aber ohne jede Verbitterung beschwört Guterson die tragikomischen Erlebnisse der Jugend herauf. Die großen Wunschträume, die bei Erfüllung wie Seifenblasen zerplatzen. So etwa der erste Kuß in der Erzählung „Fremdkörper“: „Ich erinnere mich genau an den überraschend schlechten Geruch. Ihr Mund schmeckte scheußlich, wie Tang, wie halbverdauter Wein. So ist das also, dachte ich. Ihre Zunge drückte sich in meinen Mund und lag dann darin wie ein glitschiges Stück Tau. Und ich empfand gar nichts dabei, hatte überhaupt keine Lust auf sie.“

Häufig ändert sich schlagartig der Tonfall der Erzählungen, die Handlung wird zum Alptraum. Ähnlich wie in Hemingways Nick-Adams-Stories (z.B. „Die Killer“) dringt das Grauen auch bei Guterson plötzlich in die sicher geglaubte Welt der Kindheit ein. Ohne Grund, aus purem Sadismus terrorisieren „Drei Jäger“ eine Gruppe von zeltenden Jungen, die durch dieses Erlebnis - einer grausamen Initiation gleich - in die kalte Erwachsenenwelt gestoßen werden.

Präzise weicht Guterson jedem möglichen Klischee aus. Kitsch hat bei ihm keine Chance. Auch dann nicht, wenn er immer wieder von Erlebnissen erzählt, die uns aus den Augen der Erwachsenen kindisch und naiv vorkommen: Die erste, in den buntesten Farben geschilderte, romantische Liebe im „Blumengarten“ etwa, die freilich sogleich wieder zerstört wird, wenn es um Beruf und Zukunft geht. Oder die Blutsbrüderschaft zwischen zwei Freunden in „Arcturus“, die sich Jahrzehnte später in einem Supermarkt nicht mehr erkennen - oder nicht mehr erkennen wollen. Am gleichen Abend steht die Hauptfigur lange in der Natur und erinnert sich - halb amüsiert, halb wehmütig - an die damalige Freundschaft: „Und die lächerlichen Versprechen waren rührend gewesen. Damals wäre er wirklich für Floyd gestorben. Damals war er dumm und jung genug gewesen, so lächerliche Dinge zu tun. Aber jetzt war es Abend und viele Jahre später. Die Sonne war untergegangen, die Sterne kamen heraus. Auf dem gegenüberliegenden Ufer war ein Stand Birken vom Frühjahrshochwasser überschwemmt und niedergeworfen worden. Jetzt lagen die Bäume halb unter Wasser, ein Gewirr von Ästen vermoderte langsam und erinnerte an das reißende Wasser des Frühlings.“

Die Natur wird zum Spiegelbild der menschlichen Stimmung, der reißende Fluß des Frühlings zum Symbol der verlorenen Jugend. Es gilt Abschied zu nehmen von Sonne und Leben. „Noch heute überfällt mich dieselbe um sich greifende Einsamkeit“, heißt es denn auch ganz am Ende des Buches, gleichsam als Resümee, „die Einsamkeit von Jungen, die Angst vor dem Tod und vor dem Erwachsenwerden haben.“

 

n    David Guterson: Das Land vor uns, das Land hinter uns. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Christa Krüger. Berlin: Berlin Verlag 1997. 206 Seiten. 36 Mark.