Günter
Grass’ literarisches Resümee „Mein Jahrhundert“
Im letzten Kapitel ergreift die Mutter das Wort. Die
ist zwar schon lange tot, für einen Kurzauftritt in Günter Grass’
Jahrhundertwerk aber noch immer vital genug. „Gezwungen hat er mich nicht, aber
überredet, der Bengel.“ So wird sie von ihrem Sohn für die Literatur noch
einmal erweckt und - ins Altersheim gesteckt. Pardon, in ein „Seniorenheim mit
Seeblick“! „Eineinhalb Zimmer hab ich, dazu Bad, Kochnische und Balkon.
Farbfernseher hat er mir reingestellt und eine Anlage für diese neuen silbrigen
Schallplatten.“
Nutzen wir die Zeit, in der die alte Dame die Wunder
der Neuzeit entdeckt, für einen genaueren Blick auf Grass’ neues Buch „Mein
Jahrhundert.“ Großes hat er sich vorgenommen. Nicht weniger als eine Bilanz,
ein literarisches Resümee der letzten hundert Jahre deutsche Geschichte. Und
die im Schnelldurchlauf. Jedes Jahr ein Kapitel, jedes Kapitel nur drei oder
vier Seiten kurz. In jedem Jahr schlüpft Grass in eine andere Figur, einen
anderen Zeitzeugen, und blickt so durch ein Kaleidoskop der unterschiedlichsten
Perspektiven auf die Vergangenheit zurück. Verdun, Versailles, Weimar. Die
Machtergreifung der Nazis. Die Autobahn. Die olympischen Spiele. Die Reichskristallnacht.
Dachau, Stalingrad, Auschwitz. Der Mauerbau. Brands Kniefall in Warschau. Kohls
und Mitterands demonstrativer Handschlag. Der Fall der Mauer. Natürlich auch
Schröders Wahlsieg. Nichts hat Grass vergessen. Er betet die historischen
Daten, die sich längst ins kollektive Bewußtsein der Deutschen eingegraben
haben, so brav herunter, als stünde er zur Abfrage vorn an der Tafel. Das
ideale Buch für den Elftklässer, der für die Geschichtsklausur büffelt. Ein
literarischer Genuß aber entsteht bei der Lektüre nicht. Zu wenig Originelles,
gar Spannendes hat Grass (diesmal) zu bieten.
Selbst und gerade die erschütterndsten Ereignisse der
deutschen Geschichte bleiben unter seiner Feder erstaunlich leblos, blaß. Hier
schreibt, so könnte man meinen, ein Autor nur noch mit Tinte, nicht mehr mit
Herzblut. Um den Abgrund des Ersten Weltkriegs auszuloten, arrangiert Grass ein
fiktives Treffen zwischen Jünger und Remarque, die gemeinsam auf Kriegstaumel,
Stellungskämpfe und Materialschlachten zurückblicken. Eigentlich eine reizvolle
Ausgangssituation: das Aufeinanderprallen von Patriotismus und Pazifismus, von
rechts und links, von deutscher Kultur und westlicher Zivilisation. Gerade an
diesen Stellen wünschte man sich die Betrachtungen eines Unpolitischen. Wie hätte
wohl ein Thomas Mann das Treffen der beiden Schriftsteller gestaltet?! Doch
unter der Regie von Grass verkümmern sie zu Karikaturen, zu Abziehbildern, so
flach und schwarzweiß, als entstammten sie lediglich dem Notizbuch des
Meisters. Nicht nur Remarque und Jünger - auch Brecht und Benn werden von Grass
auf die Bühne gezerrt und zu Sprechpuppen seiner Platitüden gemacht: „Ihr
abendländisches Leichenschauhaus steht meinem epischen Theater so monologisch
wie dialektisch zur Seite“, muß Brecht da einmal sagen. Es soll wohl lustig
sein. Wirkt aber nur aufgeblasen.
Bescheidenheit und Zurückhaltung kann man dem Buch
gewiß nicht vorwerfen. Das gilt besonders für die Kapitel, in denen sich Grass
selbst zu Wort meldet: 1959 etwa, als „Die Blechtrommel“ erscheint und er mit
seiner Frau Anna auf der Buchmesse, betört vom überwältigenden Erfolg, „auf
heißen Sohlen“ tanzt, „als könnten wir uns nur tanzend vor diesem Rummel, der
Bücherflut, all diesen wichtigen Leuten retten und so ihrem Gerede - ‘Erfolg!
Böll, Grass, Johnson machen das Rennen ...’ leichtfüßig entkommen.“ Dieses
Problem hat Grass mit seinen neueren Werken bekanntlich nicht mehr. Doch auch
die Verrisse können seinen Triumphzug nicht stoppen: Fontane, so schreibt er,
hätte durch ihn - „gefangen in dem Roman ‘Ein weites Feld’“ - die
„Unsterblichkeit“ erlangt. Von (Selbst-)Ironie weit und breit keine Spur. Fonty
würde über solche Sätze wohl dennoch nachsichtig lächeln.
Besonders enttäuschend sind die letzten Kapitel. Je
mehr sich Grass der Gegenwart nähert, um so abgestandener wirken seine
Geschichten. Die 90er Jahre bestehen für ihn aus kaum mehr als aus den
Fernsehbildern des Golfkriegs, dem Klonschaf Dolly und der Love Parade in
Berlin. Nur notdürftig hinter der Maske eines Reporters versteckt, kommentiert
er „dieses an der Spree gefeierten ‘Karnevals in Rio’“, wo getanzt wird,
„selbst wenn irgendwo auf dem Balkan, in Tuzla, Srebrenica und sonst noch wo
geschossen, gemordet wird.“ Oh, diese verkommene Jugend! Es hat den Anschein,
als fühlte sich Grass in der heutigen Zeit ähnlich fremd und fehl am Platz wie
seine Mutter in der Konfrontation mit so neumodischen Dingen wie der CD. Die
Gegenwart, so muß sich Grass eingestehen, hat ihn längst überholt. „Hier darf
sich Jahr für Jahr eine Generation in Ekstase tanzen, der jetzt schon die
Zukunft gehört“, heißt es am Ende der Love-Parade-Reportage mit unverhohlenem
Neid, „während wir Älteren, wenn ich mir abschließend diesen Scherz erlauben
darf, uns um den Müll, die Müllberge sorgen dürfen.“ Eigentlich ein passendes
Ende für diese Besprechung.
Machen wir aber kurz noch einen Abstecher ins
Altersheim und überlassen - Ehre, wem Ehre gebührt - der Mutter das Schlußwort:
„Der Bengel ist über siebzig schon und hat sich längst einen Namen gemacht.
Kann aber nicht aufhören mit seinen Geschichten. Manche gefallen mir sogar. Aus
anderen hätte ich bestimmte Stellen glatt gestrichen.“ - Hätte Grass doch öfter
auf seine Mutter gehört!
n Günter Grass: Mein Jahrhundert. Göttingen:
Steidl-Verlag 1999. 383 Seiten. 48 Mark; mit Aquarellen von Günter Grass. 416
Seiten. 98 Mark.