Eine Spielart des eigenen Grabspruches

 

„Mein Jahr draußen“: Robert McCrums Erfahrungsbericht über die Zeit nach dem Schlaganfall

 

Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf - und können sich nicht mehr bewegen. Arme und Beine verweigern jedes Kommando, das Ich ist gefangen in einer Masse Fleisch, die am Abend zuvor noch der eigene Körper war. Was wie eine Geschichte von Franz Kafka anmutet, ist in Wirklichkeit eine Tragödie, wie sie jedem von uns zustoßen kann. Denn entgegen der weitverbreiteten Auffassung betrifft der Schlaganfall, in den Industrienationen die dritthäufigste Todesursache, keineswegs nur Menschen in hohem Alter.

Der Schriftsteller und Verlagslektor Robert McCrum war gerade 42, als er von einem „Insult“, so die lapidare medizinische Bezeichnung, aus seinem alltäglichen Leben gerissen wurde. Ohne Vorwarnung platzte eine Arterie in seinem Kopf. Das entstehende Blutgerinnsel schnitt wichtige Hirnregionen ab und führte zur zeitweiligen Lähmung. Dabei hatte McCrum noch Glück: In den ersten Wochen in höchster Lebensgefahr, erholte er sich während der darauffolgenden Monate Schritt für Schritt, bis er ein Jahr später wieder vollkommen genesen war. In dem nun erschienenen Buch „Mein Jahr draußen“  berichtet er von der Zeit am Abgrund, von einer Zeit, die geprägt ist vom Wechselspiel zwischen Hoffnung und Resignation.

Nach wenigen Seiten schon wird deutlich, daß es McCrum nicht um die bloße Schilderung seiner Rekonvaleszenz geht. Vielmehr will er seine Gefühle und Ängste, seine Gedanken und Vorstellungen im Angesicht des möglichen Todes ins Gedächtnis rufen. Die Krankheit ist der Anlaß zur philosophischen Reflexion. Existentielle Fragen, die in der Hektik des Alltags nur zu schnell verdrängt und vergessen sind, treten nun in den Vordergrund. „Ein Krankenbett ist ein Grab“, so zitiert McCrum den Lyriker Johne Donne, „und was der Patient darauf sagt, ist nichts als eine Spielart seines eigenen Grabspruches.“ Doch bei aller meditativen Spekulation verliert das Buch niemals den Bezug zur Realität. Die Betrachtungen über Leben und Tod werden immer wieder unterbrochen von der Beschreibung des Krankenhausbetriebs, dessen Banalität für McCrum bald zum Gegenpol der philosophischen Höhenflüge wird: „Ich mußte wie ein Dreijähriger mit bunten Plastikbuchstaben spielen und lächerlich einfache Erkennungstests lösen. Könnten doch bloß Milan Kundera, Kazuo Ishiguro oder Mario Vargas Llosa, über deren Manuskripte ich gemeinsam mit ihnen gebrütet hatte, jetzt ihren Lektor sehen!“

Die Monate der empfundenen Demütigungen und häufigen Rückschläge hätte McCrum wohl schwerlich ohne die aufopfernde Liebe seiner Frau Sarah überstanden. So erzählt das Buch nicht zuletzt die Geschichte einer jungen Ehe, die bereits in den ersten Wochen auf eine schwere Probe gestellt wird. Vor allem die zitierten Tagebucheinträge, in denen Sarah ihre Ängste und Sorgen artikuliert, die sie ihrem Mann gegenüber aus Rücksicht verschweigt, offenbaren das ganze Ausmaß der Tragik: „Was ist, wenn es nicht besser wird? Was mache ich dann? Wenn es mir gelingt, ihm Mut zu machen, helfe ich ihm damit überhaupt, oder ist es ohnehin sinnlos? Es ist, als ob sich eine Falltür geöffnet hätte und wir alle hineingefallen wären, und jetzt stürzen wir immer tiefer und tiefer hinab.“

Erst allmählich, mit jeder einzelnen wiedergewonnenen Bewegung, mit jedem neu erlernten Wort, weicht die Verzweiflung der Hoffnung. Und als McCrum schließlich aus dem Krankenhaus entlassen wird und sich daran macht, sein Leben neu zu ordnen, beginnt er zu ahnen, daß der Schlaganfall neben all seinen Schattenseiten vielleicht auch ein Gutes hat:  „Womöglich würde ich am Ende auf die ganze Episode zurückschauen, als hätte sie nur dazu gedient, mich daran zu erinnern, wie außergewöhnlich interessant die Welt war und wie glücklich ich mich schätzen konnte, noch am Leben zu sein.“

 

n    Robert McCrum: Mein Jahr draußen. Wiederentdeckung des Lebens nach einem Schlaganfall. Aus dem Englischen von Monika Schmalz. Berlin: Berlin-Verlag 1998. 240 Seiten. 36 Mark.