„Hermetik“
- was ist das eigentlich? Auch der Blick ins Fremdwörterbuch hilft kaum weiter:
„siehe Alchemie“. Also ein Buch über magische Goldmacherei? Über die Suche nach
dem Stein der Weisen? Sogleich denkt
man an E.T.A. Hoffmanns Schauergeschichten: Alte Männer, die sich in dunklen
Kellern über brodelnde Gefäße und geheimnisvolle Fläschchen beugen. Finsteres
Mittelalter, versponnene Esoterik - kann man über sowas wirklich noch ein wissenschaftliches Buch schreiben? Ralf
Liedtke kann. Und man selbst muß sich bald eingestehen, daß man bislang von
einem faszinierenden Bereich der Philosophie nichts gewußt hat.
Die Hermetik ist eine uralte Denktradition, die
während der letzten zwei Jahrtausende ein kümmerliches, häufig geheimes Dasein
im Schatten der erfolgreicheren abendländischen Metaphysik fristen mußte.
Vielleicht aber ist jetzt ihre Zeit gekommen. Am Ende unseres Jahrhunderts, in
dem nicht nur der Abschied von aller metaphysischer Spekulation verkündet,
sondern auch die sicher geglaubte Physik durch Theoretiker wie Einstein und
Heisenberg in ihren Grundfesten erschüttert wurde, ist ein Vakuum entstanden,
das sich erst allmählich neu füllt. Nach Liedtke polarisiert sich westliche
Philosophie seit ein paar Jahrzehnten in zwei Extreme: in das poststrukturalistische Denken aus Frankreich
und die ganzheitliche New-Age-Spiritualität im Zeichen des Wassermanns. Ist ihr
Ausgangspunkt - nämlich die rationalitätskritische Ablehnung der traditionellen
Philosophie - auch der gleiche, so unterscheiden sich die beiden Lager doch
diametral durch ihre Lösungsversuche. Die „différance“ eines Jacques Derrida
gegen den „Holismus“ eines Fritjof Capra. Einheitsgegner versus Einheitssucher.
Liedtke zeigt nun, daß diese vermeintlich neue
Dichotomie zwischen den beiden Ansätzen gerade die Voraussetzung für die Hermetik ist, die in ihrem Grundzug eklatant
dem heutigen postmodernen Geistesklima ähnelt. In ihr sind beide Denkströmungen
in all ihrer Widersprüchlichkeit vorhanden. (Über die Frage allerdings, ob die
hermetischen Erkenntnisse tatsächlich, wie Liedtke behauptet, die
geistesgeschichtlichen Wurzeln der Gegenwart
sind oder ob sie zu ihr nicht eher eine bloße Analogie aufweisen, ließe sich sicherlich streiten.) Nur im
Spannungsfeld zwischen Pluralismus und Monismus ist hermetisches Denken
überhaupt möglich; es strebt förmlich nach Inkonsistenz und Negation, nach
Paradoxien und unendlichen Regressen. So kommt es dazu, „daß der Leser
eigentlich überall und nirgendwo Halt in diesen Texten finden kann; die
Erbauung durch die hermetischen Schriften ist ebenso groß wie die
Verunsicherung.“ Gerade diese Verunsicherung ist es, die den Leser zu einer
neuen, „arationalen“ - nicht selten mystischen - Weltauffassung verhelfen soll.
Die Hermetik gründet sich auf dem Corpus Hermeticum,
einem in den frühen nachchristlichen Jahrhunderten entstandenen Konvolut
religiös-naturphilosophischer Traktakte, geschrieben in griechischer,
koptischer und lateinischer Sprache. All diese Schriften kreisen um die Gestalt
des Hermes, jenes listigen Götterboten aus der griechischen Mythologie, der
rastlos zwischen Himmel und Erde vermittelt. Er repräsentiert eine Weltauffassung
abseits aller einengenden Rationalität und Kausalität. Immer wieder fordern die
hermetischen Schriften dazu auf, die Grenzen des Positivismus und naiven
Materialismus zu überwinden: „Denn es fällt schwer, das Gewohnte und das
Gegenwärtige zu verlassen und zu dem alten und ersten wieder zurückzukehren:
Denn man läßt sich alleine gefallen, das sichtbar ist, was unsichtbar ist,
dasselbe wird schwerlich geglaubt.“
Bald schon wird deutlich, daß das Corpus Hermeticum
eine Schatzkammer zahlloser philosophischer Richtungen ist. Da findet man
Ansätze von Fichtes Konzeption des absoluten Ichs genauso wie Bausteine der
Freudschen Psychoanalyse. Schopenhauers Pessimismus ist ebenso vertreten wie
Nietzsches Wille zur Macht: „Denn der Sinn und Verstand ist einzig und allein
dieser: Alles zu machen und in sich selbst wieder zunichte zu machen.“
Durch die Darstellung der Verwandtschaft der Hermetik
zur Gnosis - Liedtke bezieht sich hier insbesondere auf die
Gnostizismusforschung von Hans Jonas - und zur Alchemie (die aus der
hermetischen Tradition entstanden ist) bildet sich während der Lektüre allmählich
eine Ahnung der Möglichkeiten dieses ungewohnten Denkansatzes. Kritik an
Wissenschaft und Vernunft, die Suche nach neuem Denken und Inspiration -
keineswegs ein Novum der heutigen Zeit: „Jetzt machst du mich ganz stumm, meine
vorigen Sinne und Gedanken habe ich ganz verloren. Gewißlich, Vater, ich werde
unsinnig, denn da ich vermeinte, durch dich klug zu werden, da sind meine Sinne
durch diese Wissenschaft verstopft worden.“ Sätze, die - keineswegs zufällig -
an jene des ratsuchenden Schülers im „Faust“ erinnern, den Mephistos vertrackte
Sophistik heillos verwirrt: „Mir wird
von alle dem so dumm, Als ging’ mir ein Mühlrad im Kopf herum.“
Ralf Liedtkes Buch trägt nicht nur dazu bei, einen
verschütteten und höchst faszinierenden Bereich der Philosophie neu zu
entdecken, sondern verhilft darüber hinaus zu einem tieferen Verständnis der
Grundproblematik unserer postmodernen, pluralistischen Gegenwart.
n Ralf Liedtke: Die Hermetik. Traditionelle Philosophie
der Differenz. Paderborn: Schöningh 1996. 192 Seiten. 48 Mark.