Wir leben, so George Steiner, in den Zeiten des Epilogs. Ob in der Mathematik oder Logik, ob in den Natur- oder Geisteswissenschaften: überall herrscht der gleiche Katzenjammer, überall die gleiche Sinnkrise. Keine letzte Wahrheit mehr, an die man sich festklammern, kein universeller Sinn, der das eigene Leben erhöhen könnte. Der Nihilismus, der unheimlichste aller Gäste, ist eingetreten und hält Europa seit Nietzsche in seinen Klauen. Einen Ausweg aus der Sackgasse scheint es nicht zu geben.
Selbst das Nichts hat seine einstige Faszination, die
es bei Sartre und Beckett noch hatte, seit langem verloren. Die Sprache und
Literatur, die gesamte Kunst, sind befallen vom Virus der Skepsis, drohen
ihren Sinn in den Mühlen des Poststrukturalismus gänzlich zu verlieren. Nach
dem „Tod Gottes“ wird der „Tod des Autors“ verkündet; das literarische Werk,
vor langer, allzu langer Zeit noch göttlichen Ursprungs, ist zum bloßen „Text“
degradiert, den es zu dekonstruieren gilt, zum System von Zeichen, die ihre
eigentliche Bedeutung bis in alle Ewigkeit aufschieben. Tatsächlich, das letzte
Kapitel - der Epilog gar - ist längst schon aufgeschlagen, jede Hoffnung auf
Rettung scheint vergeblich zu sein.
Steiner wäre nicht Steiner, fände er sich mit dieser
Diagnose ab. Schon in seinem vor Jahren erschienenen vieldiskutierten Essay
„Von realer Gegenwart“ forderte der Komparatist und Literaturkritiker eine neue
Ehrfurcht vor dem geschriebenen Wort. Wahre Literatur weise auch heute noch,
allen postmodernen Strömungen aus Frankreich zum Trotz, auf eine transzendente
Welt hin, offenbare die Gegenwart Gottes. Und der Skeptiker, der diesen Zugang
verloren hat, müsse eben „lesen, als ob“: Als ob der Text eine letzte Bedeutung
besitze, als ob die Brücke zwischen Zeichen und Welt noch bestehe. Nur so gebe
es - Foucault hin, Derrida her - einen Weg aus der Misere.
Eine komprimierte Fassung des früheren Essays findet
sich in Steiners nun in deutsch erschienenem Band „Der Garten des Archimedes“.
Auch die anderen Beiträge, gesammelte Aufsätze und Reden der letzten Jahre,
sind höchst lesenswert; vor allem deshalb, weil Steiner durchweg eigene
Gedankenpfade beschreitet, fern der ausgetretenen Wege des heutigen Mainstreams.
Hier schreibt und denkt jemand, für den „Leben“ und „Lesen“ noch untrennbar
miteinander verknüpft sind. Ob er nun Chardins Gemälde „Der lesende Philosoph“
mit einem Anflug von Melancholie interpretiert, ob er über Sinn und Unsinn der
„Absoluten Tragödie“ reflektiert oder gegen die Kultur Amerikas polemisiert,
gegen jene „Archive von Eden“, in denen die europäischen Kulturschätze wie tote
Objekte bewahrt würden - stets zeugen Steiners Gedanken mit ihren spielerischen
Assoziationen und Analogiebildungen von einer enormen Belesenheit, von einer
dem Humanismus zutiefst verpflichteten Bildung. Da stört es auch gar nicht, daß
seine Überlegungen an manchen Stellen etwas Rührendes haben: etwa wenn er sich
„Schulen für kreatives Lesen“ erträumt oder das Anstreichen von Fehlern mit
einer heiligen Handlung vergleicht: „Derjenige, der über Druckfehler
hinweggeht, ohne sie zu berichtigen, ist kein bloßer Philister: er begeht einen
Verrat.“
In den letzten Essays des Bandes entfernt sich
Steiner (scheinbar) vom Thema der Literatur und nähert sich dem anderen großen
Thema in seinem Leben, dem Judentum.
Doch bald schon wird deutlich, daß beide Themen für ihn untrennbar
zusammengehören, ist das jüdische Volk doch das Volk des Buches, seine Heimat -
so Steiner - kein wirkliches Land, sondern die Thora. Textarbeit, die
Interpretation und Auslegung der Schrift, bestimmt die jüdische Identität. Erst
vor diesem Hintergrund offenbart sich die existentielle, die religiöse
Bedeutung von Steiners Literaturkonzept. Vor allem, wenn er nach dem Warum der
größten Katastrophe der Menschheit fragt, wenn er das Thema Auschwitz behutsam
umkreist, werden die Parallelen deutlich. Denn zerstört nicht auch - und gerade
- die Shoah jede Aussicht auf Rettung, jede Bedeutung und Wahrheit? Wird der
Glaube an Gottes Wiederkehr in ihrem Schatten nicht zur bloßen Illusion? Es
gilt, so scheint uns Steiner zuzurufen, das gleiche wie oben: „Leben, als ob“.
Nur so ist der Epilog zu ertragen.
n George Steiner: Der Garten des Archimedes. Essays.
München: Hanser 1997. 350 Seiten. 39,80 Mark.