„Ich
hatte nur eine Idee, ein Mensch.“ - Wir müssen leise sprechen, der
Schriftsteller denkt. Nichts soll ihn in seiner Ruhe stören. In den frühen
Morgenstunden hat er sich aus der Wohnung geschlichen, hat Frau und Kind
verlassen, ist mit dem Zug in die Berge gefahren und schließlich in einem
kleinen Örtchen ausgestiegen. Hier will er schreiben. In einem ruhigen Cafè,
fern des Großstadttrubels, fern der familiären Enge. Vom Kellner verlangt er
„Kaffee, viel Kaffee“. Dann geht es los.
Er hat einen Stapel Postkarten mitgebracht, die er
eine nach der anderen füllen will, um seine Romanfigur zu finden und zu
entwickeln. Doch über die Anrede „Mein Freund“ kommt er nicht hinaus. Writers
Block. Der Geistesblitz will nicht kommen. So sitzt der Schriftsteller an
seinem Platz, beobachtet die Menschen um sich herum, erzählt dem Kellner von
seiner Arbeit. Läßt sich ablenken. Im Geiste sieht er seine Familie.
Gewissensbisse plagen ihn. Was sie jetzt wohl machen, so ganz ohne ihn? Nicht
einmal einen Brief hat er ihnen hinterlassen.
Leicht haben es die Protagonisten von Jan Peter
Bremer wahrlich nicht. In seinem Erstling „Der Palast im Koffer“ ist ein
Reisender der Neugierde seiner Mitmenschen ausgeliefert; sie malträtieren ihn
solange, bis er kapituliert. Kaum besser ergeht es dem unter Verfolgungswahn
leidenden Monarchen im Roman „Der Fürst spricht“, mit dem Bremer 1996 den
Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat. Und diesmal, im „Feuersalamander“, ist es
also ein Schriftsteller, der an sich und der Welt verzweifelt. Ein
selbsternannter Künstler, konfrontiert mit dem eigenen Scheitern.
Wie Bremers frühere Figuren pendelt auch dieser
Ich-Erzähler zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen, zwischen
Narzißmus und Selbstekel. Immer wieder berauscht er sich an
Allmachtsphantasien: „Allein für deine Geduld werden die Menschen, die jetzt
achtlos vorüberlaufen, dich irgendwann bewundern, denn sie wissen, daß du nur
für sie durch die Straßen läufst, und sie werden sich an den Rand deines Weges
knien, und wenn du sie anschaust, so wird es sein, als entspringt ihr Leben
deinem Blick.“ Der Künstler als Messias. Er verkündet, wie schnell sich die
Blätter in den Nächten einsamer Arbeit füllen werden. Welch gewaltiges Werk er
erschaffen wird, um es seiner Frau feierlich zu überreichen. - Nur leider
entsteht kein einziger Satz.
Was Bremer in seinem neuen Miniaturroman „Der
Feuersalamander“ entwirft, ist weit mehr als der Versuch, die kreative Arbeit
performativ zu umkreisen. Auch mehr als das Protokoll einer Schreibblockade.
Der Schriftsteller, das wird nach wenigen Seiten deutlich, ist hier das Abbild
für den Menschen schlechthin. Für das in die Welt geworfene Subjekt. Die Suche
nach der geeigneten Romanfigur, der gesamte künstlerische Schaffensprozeß,
gleicht der Suche des Ichs nach Heimat, nach dem erlösenden Du. Daß Bremer
immer wieder mit Kafka, seinem großen Vorbild, verglichen wird, ist kein
Wunder. Nicht nur die parabelhafte Situation, auch sein Stil erinnert an Kafkas
Werke, vor allem an dessen frühe, expressionistische Erzählungen. Auch bei
Bremer sind die Figuren aufs Wesentliche konzentriert, gleichen
Bleistiftskizzen - mit leichter Hand hingeworfen, häufig karikiert, bis ins
Groteske gesteigert. Im Text herrscht die surreale Atmosphäre eines Traumes,
die jede Frage nach Logik und Stringenz der Handlung im Keim erstickt.
So wundert man sich auch nicht, daß der Ich-Erzähler
schließlich Erlösung bei einem Betrunkenen sucht, den er für die lang ersehnte
Romanfigur hält. Doch eine Inspiration kann auch er nicht sein: kurz eine
Anekdote mit einem Feuersalamander erzählt, und schon ist der Betrunkene am
Tisch eingeschlafen. Der Schriftsteller kapituliert. Noch eine Reihe von
Demütigungen ertragen, noch einmal mit der Ignoranz der Umwelt konfrontiert,
dann flieht auch er in den Suff. Dem Kellner gegenüber, in dessen Haus er
später übernachtet, wird er im Vollrausch zum ersten Mal ehrlich. Seine große
Idee entpuppt sich zur resignierenden Einsicht: „Wir alle sind lächerliche
Affen.“
n Jan Peter Bremer: Feuersalamander. Roman. Berlin:
Berlin Verlag 2000. 112 Seiten. 28 Mark.