Vom Schreiben und Scheitern

 

Jan Peter Bremers parabelhafter Roman „Feuersalamander“

 

„Ich hatte nur eine Idee, ein Mensch.“ - Wir müssen leise sprechen, der Schriftsteller denkt. Nichts soll ihn in seiner Ruhe stören. In den frühen Morgenstunden hat er sich aus der Wohnung geschlichen, hat Frau und Kind verlassen, ist mit dem Zug in die Berge gefahren und schließlich in einem kleinen Örtchen ausgestiegen. Hier will er schreiben. In einem ruhigen Cafè, fern des Großstadttrubels, fern der familiären Enge. Vom Kellner verlangt er „Kaffee, viel Kaffee“. Dann geht es los.

Er hat einen Stapel Postkarten mitgebracht, die er eine nach der anderen füllen will, um seine Romanfigur zu finden und zu entwickeln. Doch über die Anrede „Mein Freund“ kommt er nicht hinaus. Writers Block. Der Geistesblitz will nicht kommen. So sitzt der Schriftsteller an seinem Platz, beobachtet die Menschen um sich herum, erzählt dem Kellner von seiner Arbeit. Läßt sich ablenken. Im Geiste sieht er seine Familie. Gewissensbisse plagen ihn. Was sie jetzt wohl machen, so ganz ohne ihn? Nicht einmal einen Brief hat er ihnen hinterlassen.

Leicht haben es die Protagonisten von Jan Peter Bremer wahrlich nicht. In seinem Erstling „Der Palast im Koffer“ ist ein Reisender der Neugierde seiner Mitmenschen ausgeliefert; sie malträtieren ihn solange, bis er kapituliert. Kaum besser ergeht es dem unter Verfolgungswahn leidenden Monarchen im Roman „Der Fürst spricht“, mit dem Bremer 1996 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat. Und diesmal, im „Feuersalamander“, ist es also ein Schriftsteller, der an sich und der Welt verzweifelt. Ein selbsternannter Künstler, konfrontiert mit dem eigenen Scheitern.

Wie Bremers frühere Figuren pendelt auch dieser Ich-Erzähler zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen, zwischen Narzißmus und Selbstekel. Immer wieder berauscht er sich an Allmachtsphantasien: „Allein für deine Geduld werden die Menschen, die jetzt achtlos vorüberlaufen, dich irgendwann bewundern, denn sie wissen, daß du nur für sie durch die Straßen läufst, und sie werden sich an den Rand deines Weges knien, und wenn du sie anschaust, so wird es sein, als entspringt ihr Leben deinem Blick.“ Der Künstler als Messias. Er verkündet, wie schnell sich die Blätter in den Nächten einsamer Arbeit füllen werden. Welch gewaltiges Werk er erschaffen wird, um es seiner Frau feierlich zu überreichen. - Nur leider entsteht kein einziger Satz.

Was Bremer in seinem neuen Miniaturroman „Der Feuersalamander“ entwirft, ist weit mehr als der Versuch, die kreative Arbeit performativ zu umkreisen. Auch mehr als das Protokoll einer Schreibblockade. Der Schriftsteller, das wird nach wenigen Seiten deutlich, ist hier das Abbild für den Menschen schlechthin. Für das in die Welt geworfene Subjekt. Die Suche nach der geeigneten Romanfigur, der gesamte künstlerische Schaffensprozeß, gleicht der Suche des Ichs nach Heimat, nach dem erlösenden Du. Daß Bremer immer wieder mit Kafka, seinem großen Vorbild, verglichen wird, ist kein Wunder. Nicht nur die parabelhafte Situation, auch sein Stil erinnert an Kafkas Werke, vor allem an dessen frühe, expressionistische Erzählungen. Auch bei Bremer sind die Figuren aufs Wesentliche konzentriert, gleichen Bleistiftskizzen - mit leichter Hand hingeworfen, häufig karikiert, bis ins Groteske gesteigert. Im Text herrscht die surreale Atmosphäre eines Traumes, die jede Frage nach Logik und Stringenz der Handlung im Keim erstickt.

So wundert man sich auch nicht, daß der Ich-Erzähler schließlich Erlösung bei einem Betrunkenen sucht, den er für die lang ersehnte Romanfigur hält. Doch eine Inspiration kann auch er nicht sein: kurz eine Anekdote mit einem Feuersalamander erzählt, und schon ist der Betrunkene am Tisch eingeschlafen. Der Schriftsteller kapituliert. Noch eine Reihe von Demütigungen ertragen, noch einmal mit der Ignoranz der Umwelt konfrontiert, dann flieht auch er in den Suff. Dem Kellner gegenüber, in dessen Haus er später übernachtet, wird er im Vollrausch zum ersten Mal ehrlich. Seine große Idee entpuppt sich zur resignierenden Einsicht: „Wir alle sind lächerliche Affen.“

 

n    Jan Peter Bremer: Feuersalamander. Roman. Berlin: Berlin Verlag 2000. 112 Seiten. 28 Mark.