Seit
kurzem beherrscht mich eine Zwangsvorstellung: Ich werde das Bild von Kafka,
der einen Kopfstand macht, einfach nicht mehr los. Sein - sowieso schon hageres
und strenges - Gesicht verzerrt und rot angelaufen; die dunkle Krawatte, die
ihm schief über Mund und Nase hängt. Ein begeisterter Turner war er ja, aber so
ganz und gar auf dem Kopf stehend? Ich weiß nicht so recht.
Doch der Reihe nach: In diesen Tagen ist der Roman
„Der Fürst spricht“ erschienen, aus dem
Jan Peter Bremer bereits beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis
vorgelesen hat. Die Erwartungen waren hoch, hatte er doch den Wettbewerb
souverän für sich entschieden. Peter Demetz sprach damals begeistert von einer
„Komödie des auf den Kopf gestellten Kafka“; ein Kompliment übrigens, dessen
ganze Bedeutung erst vor dem Hintergrund des von Literaturpapst MRR verkündeten
11. Gebots deutlich wird („Du sollst den Namen Kafkas nicht unnütz im Munde
führen!“). Gespannt fragte man sich, ob der Roman das einlösen kann, was der
vorgetragene Textausschnitt versprochen hat. Er kann. Und wie!
Es ist ein schönes Bändchen geworden: Azurblauer
Buchdeckel, darauf eine große, goldene Krone. Majestätisch eben. Dann aber auf
der Innenseite die Insignien der Macht - Krone, Thron und Zepter - aufgereiht
wie auf einer Kindertapete; so spöttisch, als wäre der Hofnarr selbst am Werk
gewesen. Hinter dem Glanz von Herrschaft und Macht verbergen sich nicht selten
lächerlich gewordene Stereotypen, blutleere Verhaltensvorgaben für die
Menschen.
Der Fürst - er könnte eine Figur aus dem „Kleinen
Prinz“ von Saint-Exupéry sein - herrscht über das Land, ohne sein Schloß jemals
zu verlassen. Manchmal bereitet er auch eine Kutschfahrt vor, plant den Ausflug
bis ins letzte Detail. Dann aber schickt er den Kutscher alleine auf den Weg -
und der kehrt meist betrunken zurück. Viel lieber bleibt der Fürst in seinen
Gemächern, um den Hofstaat zu überwachen. Überall vermutet er Intrigen gegen
ihn, die ergebensten Worte seiner Untertanen wertet er als versteckten Hohn und
Spott. Hoffnungslos in seinem paranoiden Wahngebäude verstrickt, scheint er
sich selbst zu wundern, weshalb ihm noch Respekt gezollt wird. Da kann es schon
mal vorkommen, daß er sich duckt und hastig davonmacht, wenn ihn der Blick
eines Dieners trifft. Er hat so seine Probleme im Umgang mit anderen Menschen.
Viel lieber schleicht er nachts heimlich in die Dunkelheit hinaus, um einen
verhungernden Hund hinter einer Mülltonne zu füttern. Ganz so leicht, wie man
gemeinhin glaubt, ist es eben doch nicht mit dem Herrschen.
Dann kommt der neue Verwalter aufs Schloß. Vielleicht
endlich der Mensch, der den Fürsten aus seiner Einsamkeit befreien kann? Nein.
Schon nach kurzer Zeit ist das Gespräch heillos verworren. Auch im Verwalter
sieht der Fürst nur einen weiteren Intriganten, der sich über ihn lustig macht:
„’Was ist denn das für ein Fürst?’ denken Sie und lachen versteckt in sich
hinein. ‘Er muß nur mit der Kutsche hinausfahren, und schon jubelt das Volk ihm
zu und feiert ihn. Aber er bleibt im Schloß. Den ganzen Tag geht er in seinem
Zimmer auf und ab, und nachts steigt er in den Schloßhof hinunter und schließt
einen kranken Hund in seine Arme.’“ Der Verwalter ist machtlos: nicht die freundlichsten
Aufmunterungen, nicht die höflichsten Ehrerbietungen kommen an gegen den
Verfolgungswahn des Fürsten.
Bremers Text ist eine grandiose Parabel über das
Ausgeliefertsein des Menschen in der Welt. Über die schmerzlichen Grenzen der
Individualität. Die Einsamkeit des Ichs, immer auf der Suche nach dem
erlösenden Du. Alles hinlänglich bekannt, bei Bremer aber so neu und lebendig,
als hätte es Sartre und Co. niemals gegeben. Und das alles noch in einer
herrlichen Sprache, ohne Schnörkel, prägnant und treffsicher - und immer voller
Humor.
Eines noch: Befreien wir Kafka endlich aus seiner
unbequemen Stellung und sagen: Der Text - das ist Kafka mit dem Witz eines
Lewis Carroll und der Leichtigkeit von Saint-Exupéry. Oder noch besser: Das ist Jan Peter Bremer!
Punktum. Vielleicht verschwindet dann auch meine Zwangsvorstellung.
n Jan Peter Bremer: Der Fürst spricht. Roman. Frankfurt
a.M.: Eichborn 1996. 80 Seiten. 24,80 Mark.