Und Menschenleere

 

Peter Waterhouse auf der „E 71“

 

Seit Kriegsende ist das ehemalige Jugoslawien immer wieder in das Blickfeld deutschsprachiger Schriftsteller getreten. Nach Peter Handkes umstrittenen Reisebericht „Gerechtigkeit für Serbien“ wendet sich Peter Waterhouse nun der Lage in Bosnien zu. Schon beim Aufschlagen erkennt man - kein gewöhnlicher Text, ein Buch fern aller Konventionen.

Auf jeder Seite schreiende Leere. Eingerahmt von den kurzen, nicht selten poetischen Sätzen, die sich an die Ränder der Blätter drängen, als wollten sie sich verstecken. Gesprächsfetzen, Parataxen, häufig nur ein einziges gestammeltes Wort. Dazwischen immer wieder Schweigen, endloses Schweigen. Sprachlosigkeit im Angesicht des Grauens. Die Wörter brauchen den Platz für ihre ganze Bedeutung, wie ferne Explosionen hallen sie nach. Bald schon haben die weißen Stellen im Buch ihre Unschuld verloren; sie werden zur Leinwand der Bilder und Visionen des Lesers: Überall zerstörte Landschaften, verwüstete Dörfer. Totenstille. Und nirgendwo ein Mensch.

„Menschen/ Die Menschen sind nicht mehr“

Peter Waterhouse und ein Dolmetscher haben im August 1995 die Ruhe nach dem „Gewittersturm“ zu ihrer Reise genutzt: „Vereinbart war zwischen uns: um zwei oder drei Gespräche im so lange belagerten Bihac zu bitten, aber dabei fast nur zuzuhören - unsere Sprache eine Zuhörsprache und Mitschriftsprache (im Land der Gespräche und Sprachen). In Krajina, dem Saumland, freilich hat es keine Aussicht mehr gegeben auf solche Gespräche.“ So läßt Waterhouse die wenigen Menschen, die er in den verwüsteten Dörfern antrifft, reden über den Krieg und die Zeit danach, über ihre aktuellen Sorgen und Ängste. Die aufgeschriebenen Sätze sind leise, klagen niemanden an. Es herrscht kein Haß mehr, nur noch Resignation, unendliche Trauer: „Während des Bombardements/ habe ich die Namen vergessen/ meiner drei Töchter“. Die ganze Hoffnungslosigkeit - komprimiert zu einem einzigen Satz. Auf einer anderen Seite die Abschrift von Grabsteinen, eine nur aus Lebensdaten bestehende Litanei: verschiedene Geburtsjahre, immer die gleichen drei Todesjahre: 1992, 1993, 1994.

Das Buch ist nach der Europastraße 71 benannt, die kurz vor Bihac die strategische Route verläßt und als „eine sehr schmale, kurvigere, hüpfendere Landstraße“ den Fluß Una und einen kleinen Paß überquert, ehe sie wieder zur Hauptstraße zurückkehrt. Nach der Lektüre ist die geographische Bezeichnung „E 71“ zu einem allegorischen Begriff geworden; zu einem Kürzel, einem weiteren Symbol für den Horror, zu dem der Mensch fähig ist: „Zwei Soldaten haben berichtet:/ Wir standen am Korridor/ am Flüchtlingstreck/ Wir haben gesagt/ schießen wir hinein/ nur drei Minuten“

Die Sätze rütteln uns wach für die Probleme in Bosnien, die lange noch nicht gelöst sind, auch wenn sie seit Monaten schon von den Titelseiten der Zeitungen verschwunden sind. Im Gegensatz aber zu Handkes suggestiven, häufig aggressiven Text läßt uns Waterhouse’ stilles Buch Raum für unsere eigenen Gedanken und Gefühle. Es hält sich zurück mit Kommentaren und Wertungen, gibt uns einen unverhüllten Einblick in eine Welt ohne Hoffnung.

„Jedes Apfelbaumblatt:/ ein Menschenapfelbaumblatt/ Jeder Vogel: ein Menschenvogel/ Jede Wasserlache: eine Menschenwasserlache/ Menschenfelder Menschentäler/ Menschenbäche/ und Menschenleere“.

 

n    Peter Waterhouse: E 71. Mitschrift aus Bihac und Krajina. Salzburg: Residenz Verlag 1996. Ohne Seitenangabe. 14 Mark.