Viermal „tot“ auf jeder Seite

 

Josef Winklers neuer Roman „Domra“

 

Nein, beliebt ist er „weiß Gott“ nicht in seinem Heimatdorf. Freilich auch kein Wunder, denkt man etwa an die Romantrilogie „Das wilde Kärnten“, in der er seine Kindheit inmitten der dumpf-bäuerlichen Umgebung in den schwärzesten Farben beschrieben hat. Josef Winkler weiß, was sie über ihn im Dorf denken: “Das ist kein Mensch ... Der hat das Dorf kaputtgemacht ... Wir im Dorf sind anständige Leut ... Die Leute im Dorf hassen ihn, und niemand mehr will ihn im Dorf sehen, jeder weicht ihm aus!“

Diesmal können die Dörfler aufatmen, werden sie doch im neuen Roman von Winklers böser Feder, von ein paar Seitenhieben abgesehen, verschont. (Aber ob sie seine Bücher überhaupt lesen?). Er hat Indien als Ort gefunden, wo er „am Ufer des Ganges“ über die ihn beherrschenden Themen schreiben kann. War sein Landsmann Thomas Bernhard vom Wesen der Krankheit besessen, so ist Winklers Obsession der Tod und die Sexualität. Wahrscheinlich gibt es kein Buch, in dem die Wörter „tot“ und „Toter“ häufiger vorkommen: Tausendmal fast, viermal auf jeder Seite; dicht gefolgt vom Wort „nackt“.

Winkler erzählt von den Verbrennungsstätten der Pilgerstadt Varanasi, beschreibt akribisch genau die Arbeit der Domra, jener Unberührbaren, die das ewig brennende heilige Feuer hüten und die Scheiterhaufen überwachen. Ein faszinierendes Thema, möchte man meinen. Die anfängliche Spannung jedoch weicht bald schon einer herben Enttäuschung. Im folgenden ein fast beliebiges Zitat aus dem Roman:

„In dem Augenblick, als ich mich von den verschwommen hinter der flirrenden Hitze der Flammen des Scheiterhaufens in der Flußmitte badenden, schwarzen indischen Knaben abwandte und meinen Blick auf den wenige Meter unter mir brennenden Scheiterhaufen senkte, bogen sich die Beine des brennenden Toten in die Höhe, lösten sich vom Körper und rutschten vom Scheiterhaufen auf den Sandboden. Nachdem der schnautzbärtige, nur mit einem rotweißen Lendenschurz bekleidete Domra mit einer langen, grünen Bambusstangen die Füße auf den Scheiterhaufen zurückgehoben hatte, fingen die Zehen des Toten Feuer und begannen zu brennen, bis man nur mehr rußgeschwärzte, dünne, rauchende Knochenspitzen sehen konnte.“

Eine beeindruckende Szenerie, keine Frage. Geeignet für eine Erzählung. Oder einen Reiseessay. Für einen Roman allerdings doch etwas zu wenig. In „Domra“ gibt es keine Handlung, keine Chronologie - die Seiten könnten umgestellt werden, es würde nicht auffallen. Winklers Text ähnelt einem Dokumentarfilm mit zwei entscheidenden Mängeln: es fehlt der kommentierende Ton, und die Kamera bleibt ständig auf ein einziges Motiv gerichtet. Niemals hat der Leser das Gefühl, Eingang in die fremde Kultur Indiens oder des Hinduismus gefunden zu haben. Ratlos wie der Erzähler selbst bleibt er vor dem weit geöffneten Tor stehen und traut sich keinen Schritt weiter nach vorne. Wie sollte er auch, gibt es doch kaum etwas anderes als aneinandergereihte - dazu hölzerne - Beschreibungen des Feuers, der Toten und der nackten Kinder. Selbst gegen das Schockierende dieser Beschreibungen ist man bald schon abgestumpft; die Augen huschen über die Sätze, die zum bloßen Wortmaterial zerfallen.

Jeder kennt die heimliche Erleichterung beim Abschied von den Bekannten, bei denen man den ganzen Abend lang die letzten Urlaubsdias anschauen durfte. Ähnlich wird es dem Leser gehen, der sich mit beharrlicher Geduld bis auf die letzte Seite von „Domra“ gekämpft hat.

 

n    Josef Winkler: Domra. Am Ufer des Ganges. Roman. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1996. 262 Seiten. 38 Mark.