Noch eine Frage, Eure Heiligkeit!

 

Wissenschaftler auf „Gewagten Denkwegen“: Gespräche mit dem Dalai Lama

 

Die Wissenschaft des Westens ist in eine Sackgasse geraten. Die Grenzen der menschlichen Erkenntnis werden enger und enger gezogen, die Frage nach dem Kant’schen „Ding an sich“ ist schon lange suspekt geworden. Auch die Logik - einst Rückgrat westlichen Denkens - stößt immer wieder gegen die eigenen Mauern und stolpert in ihrem Versuch, sich wie Münchhausen bei eigenem Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen, von einem logischen Zirkel in den nächsten infiniten Regreß. So bleibt denn am Ende nur die weise Einsicht Sokrates’, daß man eben nur eines ganz gewiß weiß: nämlich, daß man nichts weiß.

In den letzten Jahrzehnten nun sind Wissenschaften entstanden, die sich durch ihre völlig neuen Denkansätze einen Weg aus der Sackgasse erhoffen. Der Konstruktivismus etwa - entstanden aus so unterschiedlichen Richtungen wie dem Neodarwinismus, der Kognitions- und Neurowissenschaft oder der Systemtheorie - bricht mit der alten westlichen Tradition und läßt sich ganz bewußt auch auf spekulatives Denken ein, das an östliche Philosophie und Mystik erinnert. Gerade der Buddhismus, denen sich bereits Einstein und Heisenberg gegen Ende ihres Lebens zugewandt haben, scheint eine wachsende Faszination auf heutige westliche Denker auszustrahlen.

Höchste Zeit also für einen Dialog zwischen den beiden Kulturen! 1987 machte sich eine Gruppe westlicher Wissenschaftler nach Nordindien auf, um eine Woche lang ihre Gedanken zu den Grundfragen des Lebens mit dem Dalai Lama, dem Oberhaupt des tibetischen Volkes, auszutauschen. Herausgekommen ist eine Sammlung höchst interessanter Gespräche, die nun endlich auch in deutscher Übersetzung vorliegen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern zur gleichen Thematik, die durch ihre aufgesetzte Wissensschaftssprache abschrecken, bleiben die Gespräche stets auf einem verständlichen Niveau. Insbesondere die kurzen, den Kapiteln vorangestellten Einführungen verhelfen auch dem Einsteiger zu einem Einblick in die Grundaussagen der westlichen Geisteswissenschaften und des Buddhismus.

Bald schon werden die Parallelen der beiden Denktraditionen deutlich. Einen absoluten Sinn der Welt, den die alten monotheistischen Religionen - das Judentum, das Christentum und der Islam - voraussetzen und den auch die traditionelle Metaphysik immer gesucht hat, leugnen westliche wie östliche Denker. Die Welt, so wie sie uns erscheint, ist eine einzige Konstruktion des menschlichen Geistes, über dessen Grenzen wir niemals hinaus schauen werden. Die Frage nach „letzter Wahrheit“ ist daher so unsinnig wie vergeblich. Für einen allmächtigen Gott, der über das Schicksal eines jeden Menschen wacht, gibt es weder Platz in der westlichen Wissenschaft noch im Buddhismus, einer - so paradox das klingt - ausdrücklich atheistischen Religion.

Noch aufschlußreicher als die vielen Parallelen sind die Unterschiede zwischen den beiden Denkansätzen, die von Gespräch zu Gespräch deutlicher werden. Insbesondere die Frage nach dem Dualismus zwischen Materie und Geist wird unterschiedlich beantwortet: Gehen die meisten westlichen Denker heute davon aus, daß der Geist lediglich Produkt der Materie ist (Varela: „Der Geist fällt unter den Tisch.“), so glaubt der Buddhismus an ein reines, vom Irdischen losgelöstes Bewußtsein. Eng verbunden mit diesen Überzeugungen ist die Erklärung des Ichs, zentrales Thema von Ost und West. Wissenschaften wie etwa die Neurobiologie oder der Kognitivismus bestreiten die Existenz eines autonomen Selbst des Menschen, das sie lediglich als Ergebnis komplizierter Gehirnvorgänge betrachten. Weitsichtiger erscheint wohl die Unterscheidung des Dalai Lama zwischen einem eingebildeten Ich (deshalb die buddhistische Vorstellung der „Ichlosigkeit“) und einem „bloßen Ich“, einem innersten Kern des Menschen, ähnlich dem transzendentalen Ich im deutschen Idealismus. „Es geht uns also um das angeborene Ichgefühl“, betont der Dalai Lama, „und nicht um irgend etwas, das man mit klugen Gedanken und Philosophie absichert. Wirklich wichtig ist dieses Ichgefühl.“

 

n    Francisco J. Varela: Gewagte Denkwege. Wissenschaftler im Gespräch mit dem Dalai Lama. Aus dem Amerikanischen von Jochen Eggert. München: Piper 1996. 330 Seiten. 19,90 Mark.