In
Deutsch steht er auf Fünf minus. Auf seine Aufsätze in der Schule bekommt er
meistens eine 6. - Und gerade ist sein erster Roman erschienen. Der ist so gut,
daß sich das Feuilleton förmlich überschlägt vor Begeisterung. Man nennt
„Crazy“ in einem Atemzug mit dem „Fänger im Roggen“; der Autor, gerade 17
geworden, wird als neuer Salinger gefeiert. Sogar mit Hemingway wird er
verglichen. Wenn schon, denn schon, scheint man sich in den Redaktionsstuben zu
sagen. Ein Genuß, sich die Gesichter der Deutschlehrer vorzustellen, wenn sie
erfahren, daß aus ihrem Sorgenkind auf einmal ein Wunderkind geworden ist!
Dabei fehlen dem Autor alle Starallüren. Der Roman,
in dem er von seinen Erlebnissen in dem ein Jahr lang besuchten Internat
erzählt, ist in einem herrlich selbstironischen, manchmal sarkastischen Tonfall
geschrieben. „Hallo Leute. Ich heiße Benjamin Lebert, bin sechzehn Jahre alt,
und ich bin ein Krüppel. Nur damit ihr es wißt. Ich dachte, es wäre von
beiderseitigem Interesse.“ Mit diesen Worten stellt sich Benni der neuen Klasse
vor. Zum Außenseiter macht ihn seine Behinderung nicht: die halbseitige
Lähmung, die ihm das Gehen erschwert, wird registriert und akzeptiert. Punktum.
Bald hat er neue Freunde gefunden: Janosch, den
Zimmergenossen und Anführer des Jahrgangs. Den dicken Felix und den dünnen
Felix. Florian, „den alle nur Mädchen
nennen“. Und Troy, den niemand so recht kennt, weil er meistens schweigt. In
der ersten Nacht schon schleichen sie sich alle ins Stockwerk der Mädchen
hinauf. Und die warten schon auf die Jungs. Bennis lapidarer Kommentar, als er
schließlich in den frühen Morgenstunden über der Kloschüssel kniet: „Das war
alles ein wenig viel für mich heute: Anstatt zu schlafen, eine Feuerleiter
hinaufzuklettern, zu saufen, was das Zeug hält, mal eben ein bißchen vögeln und
nebenbei erwachsen werden. Das reicht für eine Nacht. Da würde jeder kotzen,
glaube ich.“
Selten zuvor in der deutschen Literatur hat ein Roman
einen derart direkten, unverschlüsselten Einblick in die Welt der Jugend
gewährt. Freilich, die Gattung des Internatsromans schaut hierzulande auf eine
lange Tradition zurück, angeführt von Autoren wie Emil Strauß, Robert Musil und
Hermann Hesse. Doch einen Text wie „Crazy“ hat es bislang noch nicht gegeben.
Hier erinnert sich kein erwachsen gewordener Autor an frühere Jahre. Hier
berichtet ein Heranwachsender selbst. Führt gleichsam Protokoll über die eigene
Psyche. Immer ehrlich. Und mit viel Power. Manchmal mit unverhohlenem Pathos,
dann wieder mit subtilem Humor. Der Inhalt zählt. Der Stil ist nur Mittel zum
Zweck. Ohne Scheu reiht Benjamin Lebert einen Hauptsatz an den anderen. Er weiß
wohl, daß es auch sein Stil ist, der die Lektüre so kurzweilig macht: „Crazy“
gehört zu den Büchern, die man ohne Unterbrechung zu Ende liest. Und die man
ein paar Monate später wieder hervorkramt, um sie erneut zu verschlingen.
Fraglich bleibt, ob die Deutschlehrer „Crazy“ genauso
schätzen wie die Rezensenten. Können sie ihren Rotstift bei der Lektüre eine
Weile lang aus der Hand legen? Auf dem Lehrplan, das weiß ihr Schüler nur allzu
gut, steht schließlich eine ganz andere Literatur: „Soweit ich mich erinnere,
haben wir in der Schule nur Bücher gelesen, die ich nicht verstanden habe. Die
Autoren sprechen immer so in Rätseln. Eigentlich könnten sie doch gleich ein
Quizbuch schreiben oder so.“ Kein Zweifel, Benni hat eine andere Vorstellung
von Literatur als seine Lehrer. Wie heißt es im Roman selbst: „Literatur ist,
wenn du ein Buch liest und unter jeden Satz ein Häkchen setzen könntest - weil
es eben stimmt.“
n Benjamin Lebert: Crazy. Roman. Köln: Kiepenheuer und
Witsch 1999. 176 Seiten. 14,90 Mark.