Wort für Wort mit Bedacht und Vorsicht

 

Fritz Krenns Debüterzählung „Cramer“

 

„Ihrer Entlassung kann nur zugestimmt werden, wenn Ihnen der Grund der Einlieferung im vollen Umfang bewußt geworden ist.“ So die kalte Logik des Chefarztes. Ein Satz wie aus der Feder von Kafka. Und tatsächlich könnte Cramer, der „Held“ aus Fritz Krenns gleichnamiger Erzählung, ein Nachfahre von Figuren wie dem Landvermesser K. oder Gregor Samsa sein, ähnlich ausweglos scheint seine Situation.

Noch deutlicher freilich ist die Verwandtschaft zwischen „Cramer“ und „Stiller“: wie Max Frischs erster Roman handelt auch Krenns Text um die Suche nach der eigenen Identität in einer längst schon unsicher gewordenen, absurd erscheinenden Welt. Cramer erwacht eines Tages in einer Klinik, ohne sich an das Vergangene erinnern zu können. Eine Verbindung zur Außenwelt besteht nicht mehr, die Grenzen seiner Welt sind die Grenzen der Anstalt. Ein bekanntes Sujet also, möchte man meinen: Gedächtnisverlust, Isolation, ein dichtes Gespinst von Rätseln und Fragen, das sich erst im Laufe des Rückblicks allmählich entwirren wird. So hoffen es zumindest Protagonist wie Leser.

Voller Zuversicht macht sich Cramer daran, mit Hilfe einer Krankenschwester und einer Vielzahl von Notizblättern sein Leben zu rekonstruieren. Bald schon findet man sich in einem Labyrinth von blitzlichtartigen Erinnerungen wieder. Nach einem roten Faden aber, der die einzelnen Assoziationen und protokollierten Gesprächsfetzen zu einem Gesamtbild verbinden würde, sucht man vergeblich. Je weiter sich Cramer bei der Erforschung seiner Vergangenheit vortastet, je mehr Details er zusammenträgt, desto zahlreicher werden die Fragen. Rätselhafte Figuren tauchen aus dem Dunkel des Gedächtnisses auf, um sogleich wieder zu verschwinden. Situationen werden geschildert, so surreal und gespenstisch, als wären sie nicht der Realität, sondern einem Fiebertraum entsprungen. In diesem Kaleidoskop der Erinnerungen zeichnet sich nur allmählich ein Ereignis heraus, das in seiner Fremdartigkeit der Grund von Cramers Amnesie sein könnte: Im Zentrum des Textes steht die Nacht mit einer geheimnisvollen Fremden. Eine Art archimedischer Punkt der Erzählung, zugleich auch ihr blinder Fleck, vollzieht sich der Liebesakt doch in völligem Schweigen.

Aber schon lange vorher ist deutlich geworden, daß es Krenn, als Österreicher ein Nachfahre Mauthners und Wittgensteins, um die stets aktuelle Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Sprache, speziell der erzählenden Literatur geht. Die versuchte, aber vergebliche Rekonstruktion der Vergangenheit offenbart die niemals zu überbrückende Kluft zwischen Wort und Welt. Die Geschichte von Cramer ist nur der Vorwand für einen Text, der in virtuoser Form um sich selbst kreist, sich bis ins Unendliche spiegelt. „Schwester, ich möchte, daß Sie den Block zur Seite legen“, heißt es einmal. „Es gilt im weiteren nicht ein Leben aufzuschreiben, eher eine Empfindung im Erzählen zu erkennen. Dabei behutsam bleiben, Wort für Wort mit Bedacht und Vorsicht, der Würde wegen.“ Und wirklich: Krenns Sprache, auf seltsame Art so souverän wie schwerelos, verzaubert den Leser bereits nach wenigen Seiten und drängt die eigentliche „Handlung“ in den Hintergrund. So wird weder Cramer noch der Leser den Ausgang je finden. Denn die Grenzen der Sprache, so Wittgenstein, bedeuten die Grenzen der Welt.

 

n    Fritz Krenn: Cramer. Erzählung. Wien: Deuticke Verlag 1997, 128 Seiten, 27 Mark.