Und sie denkt doch!
John L. Castis „Cambridge Quintett“ - unterhaltsame Spekulationen über künstliche Intelligenz
Im
letzten Jahr war es also soweit: Maschine schlägt Mensch und besteigt zumindest
inoffiziell den Thron des Schachweltmeisters. Er habe, so erklärte Gary
Kasparow nach seiner Niederlage gegen Deep Blue II, eine „fremdartige
Intelligenz“ am Werk gespürt. Das klingt nach Science-Fiction, nach Akte X.
Oder doch nicht? Ist die Vorstellung einer Maschine, die selbständig denken
kann, die Probleme erkennt und auf eigene Faust löst, mehr als reine Utopie?
Ist es möglich, daß ein Computer, ein Kasten voller Drähte und Chips, eines
Tages tatsächlich „intelligent“ wird, gar ein eigenes Bewußtsein entwickelt?
Oder bleibt er nicht immer der geistlose Sklave unserer Befehle?
Um Antworten auf diese und ähnliche Fragen zu finden,
arrangiert John L. Casti im „Cambridge Quintett“ ein Treffen von fünf der
klügsten Köpfe unseres Jahrhunderts. Der Physiker C.P. Snow, der Mathematiker
Alan Turing, der Genetiker J.B.S Haldane, der Quantenphysiker und
Nobelpreisträger Erwin Schrödinger und der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein
versammeln sich eines Abends des Jahres 1949 im Cambridge College, um bei einem
festlichen Dinner über die Grundprobleme der künstlichen Intelligenz zu
fachsimpeln. In der Realität hat es dieses Treffen niemals gegeben:
„Wissenschaftsfiktion“ nennt Casti das Genre, zu dem er sein neues Werk zählt.
„Ein solches Buch“, so schreibt er im Vorwort, „versucht, in einem fiktiven
Rahmen die intellektuellen und kognitiven Fragen zu vermitteln, mit denen
Menschen konfrontiert sind, die mit der Gestaltung von Wissenschaft und
Technologie ihrer Zukunft befaßt sind.“ Was sich hier noch recht trocken und
kompliziert anhört, entpuppt sich nach wenigen Seiten zu einer überaus
lehrreichen und - diese Verbindung ist selten - unterhaltsamen Lektüre.
Bei der Suppe, spätestens beim Fisch sind die
Argumente der Meisterdenker so weit ausgetauscht, daß sich der Leser ein Bild
von den verschiedenen Standpunkten machen kann. Insbesondere Turing und
Wittgenstein geraten immer wieder aneinander, zu gegensätzlich sind ihre
Auffassungen. Für Turing, dem geistigen Vater der Informatik, bedeutet Denken
nicht mehr - und nicht weniger -, als einem vorgegebenen Programm Schritt für
Schritt zu folgen. Ist dieses Programm erst einmal komplex genug, um auf jede
erdenkliche Situation adäquat reagieren zu können, so gebe es keinen
prinzipiellen Unterschied mehr zwischen menschlichem und künstlichem Denken.
„Kompletter Unsinn!“ meint Wittgenstein, und
genüßlich verfolgt man einen seiner zahlreichen Zornesausbrüche, hält er die
Gesprächspartner doch wieder mal für allzu begriffsstutzig. Jeder halbwegs
intelligente Mensch müsse doch erkennen, daß in Turings fiktiver Maschine kein
Platz sei für wesentliche Elemente des Denkens. Wo findet man etwa, so
Wittgensteins Hauptargument, die Bedeutung? Wie könnte bloße Syntax jemals zur
Semantik werden? Denken und Bedeutung entstehen für ihn - es ist der späte
Wittgenstein der „Philosophischen Untersuchungen“ - erst im sozialen
Miteinander, im „Sprachspiel“ mit anderen. Ein Computer könnte Denken
allenfalls simulieren, so tun als ob - mehr sicherlich nicht! „Schon
die bloße Idee, daß eine Maschine wie ein Mensch denken könnte, ist eine
völlige Absurdität.“
So leicht geben sich die anderen - allen voran der
vor Aufregung haspelnde und stotternde Turing - freilich nicht geschlagen.
Grundsätzliche Fragen, mit denen sich die Philosophie seit Jahrtausenden
beschäftigt, Fragen nach dem Wesen der Sprache und des Ich-Bewußtseins, nach
dem freien Willen und der Kultur des Menschen werden angesprochen, um die
zentrale Problematik transparenter zu machen. Gerade durch die verschiedenen
Perspektiven, etwa durch Schrödingers Brille der Quantentheorie oder durch Haldanes
Sicht aus der Biologie, nicht zuletzt auch durch Snows Zusammenfassungen und
Vermittlungsversuche wird allmählich deutlich, wie komplex das behandelte Thema
letztlich ist. So entwickelt sich im Laufe des Abends ein Gespräch nicht frei
von unterhaltsamer Polemik, ein Austausch von Argument und Gegenargument,
während dessen Lektüre man eigene, bislang sicher geglaubte Ansichten neu
überdenkt.
n John L. Casti: Das
Cambridge Quintett. Eine
wissenschaftliche Spekulation. Aus dem Englischen von H. Jochen Bussmann.
Berlin: Berlin Verlag 1998. 210 Seiten. 36 Mark.