Nichts
scheint entsetzlicher zu sein als die Vorstellung des Bösen an sich. Sie
untergräbt das Fundament vernünftigen Denkens und Urteilens so empfindlich, daß
jede andere Erklärung eines Verbrechens erträglicher ist: Alles, nur nicht das
Böse als Grund seiner selbst! In dem Film „Funny Games“ etwa will der von zwei
Jugendlichen überfallene und tyrannisierte Familienvater im Angesicht des Todes
nur noch eines wissen: Warum um alles
in der Welt diese Grausamkeit? Als könnte ihn die Antwort erlösen. Und erst
nachdem die beiden Mörder jeden Erklärungsansatz, ob soziologisch oder
psychologisch, kalt grinsend ad absurdum geführt haben, kapituliert er
endgültig.
Ähnlich wie in „Funny Games“ bricht das Böse auch in
„Calling“ urplötzlich in die Welt des Alltags ein. Diesmal kommt es direkt aus
dem Telefonhörer: „Er kniet vor mir. Und ich habe eine Pistole. Und ich drücke
sie ihm auf den Scheitel. Und wenn Sie auflegen, Frau Muhar, erschieße ich
ihn.“ Der Horror beginnt. Während das Wiener Werktagsleben unten auf den
Straßen ungerührt weitergeht („Kein Aufstand in der Welt. Die Dinge in ihrer
Blödheit.“), findet sich Elisabeth in einem Alptraum wieder, in dem jeder Satz,
jedes einzelne unbedachte Wort zur Katastrophe führen kann. Ein Fremder quält
ihren Ex-Mann, der sie soeben noch besucht hatte, in einer Telefonzelle
irgendwo in der Stadt. Was will er? Warum die Drohung? Jede Erklärung erscheint
ihr besser als keine. Ist es Sadismus? Rache? Haß? Schließlich die Antwort des
Fremden: „Ach, weil mir langweilig ist, Lische.“
Was Michael Köhlmeier in seinem neuesten Werk
inszeniert, ist weit mehr als „Eine Kriminalgeschichte“, wie uns der Untertitel
des Buches suggerieren will. Bereits
die dem Text als Motto vorangestellten Bibelzitate lassen erahnen, daß sich
hinter dem vordergründigen Handlungsgerüst mehr verbirgt als bloßer
Nervenkitzel. Wieder einmal zeigt sich Köhlmeier als Meister der sparsamen
Mittel. Fast ausschließlich durch die Dialogführung - der Text wäre ebenso gut
als Hörspiel denkbar - entfaltet er einen Mikrokosmos von Angst und
Verzweiflung, für dessen Ausgestaltung manch anderer Autor mehrere hundert
Seiten benötigt hätte. Dabei gelingt es Köhlmeier wie nebenbei, die anfangs so
klar erscheinenden Fronten von Täter und Opfer aufzuweichen und die Frage nach
Schuld und Unschuld aus einer neuen Perspektive zu stellen.
Eine Zeitlang kämpft Elisabeth um jeden noch so
kleinen Handlungsspielraum gegenüber dem Fremden. Durch List gelingt es ihr,
das Gespräch auf ein Funktelefon zu verlegen - nun kann sie ihre Wohnung
unbemerkt verlassen und Hilfe holen. Wenn die Nachbarn zu Hause wären und ihre
Türen öffnen würden! Doch die bleiben verschlossen. Eine Putzfrau, die
schließlich aus einer der Wohnungen tritt, spricht kein Deutsch und beantwortet
Elisabeths aufgeregtes Flüstern lediglich mit einem verständnislosen Lächeln.
Nach diesen Fehlschlägen mit ihrer Umwelt lauscht Elisabeth das erste Mal
genauer auf die Worte des Fremden.
Er möchte ihr, so flüstert der Mann, eine Geschichte
erzählen, „eine Geschichte, in der alles vorkommt, alles bis hinauf zum lieben
Gott“. Von Elisabeth verlangt er währenddessen nur eines: Alle 30 Sekunden ein
Ja. Als Zeichen, daß sie ihm zuhört. „Du mußt das unaufgefordert tun,
Elisabeth. Ich möchte diese Geschichte jetzt erzählen, und denke daran, solange
ich erzähle, solange darf sich der da neben mir von mir erholen, und du darfst
dich auch von mir erholen. Alle dreißig Sekunden ja zu sagen ist keine Arbeit.“
Ein Mensch, so einsam, so verzweifelt, daß er zur
rohen Gewalt greifen muß, um wenigstens für ein paar Minuten ein Gespräch, die Karikatur eines Gesprächs, zu erzwingen.
Und während er schließlich von einem angeblichen Freund berichtet - in Wahrheit
erzählt er über sich selbst -, von einem Überfall und den erlittenen Demütigungen,
da wird allmählich klar, daß sich hinter dem Terror des Mannes eine andere,
eine subtilere Erklärung verbirgt als das Böse an sich. Die freilich braucht
nicht minder entsetzlich zu sein.
n Michael Köhlmeier: Calling. Eine Kriminalgeschichte.
Wien: Deuticke 1998. 95 Seiten. 20 Mark.