Alle 30 Sekunden ein Ja

 

„Calling“ - Michael Köhlmeiers neue Erzählung über Angst und Verzweiflung

 

Nichts scheint entsetzlicher zu sein als die Vorstellung des Bösen an sich. Sie untergräbt das Fundament vernünftigen Denkens und Urteilens so empfindlich, daß jede andere Erklärung eines Verbrechens erträglicher ist: Alles, nur nicht das Böse als Grund seiner selbst! In dem Film „Funny Games“ etwa will der von zwei Jugendlichen überfallene und tyrannisierte Familienvater im Angesicht des Todes nur noch eines wissen: Warum um alles in der Welt diese Grausamkeit? Als könnte ihn die Antwort erlösen. Und erst nachdem die beiden Mörder jeden Erklärungsansatz, ob soziologisch oder psychologisch, kalt grinsend ad absurdum geführt haben, kapituliert er endgültig.

Ähnlich wie in „Funny Games“ bricht das Böse auch in „Calling“ urplötzlich in die Welt des Alltags ein. Diesmal kommt es direkt aus dem Telefonhörer: „Er kniet vor mir. Und ich habe eine Pistole. Und ich drücke sie ihm auf den Scheitel. Und wenn Sie auflegen, Frau Muhar, erschieße ich ihn.“ Der Horror beginnt. Während das Wiener Werktagsleben unten auf den Straßen ungerührt weitergeht („Kein Aufstand in der Welt. Die Dinge in ihrer Blödheit.“), findet sich Elisabeth in einem Alptraum wieder, in dem jeder Satz, jedes einzelne unbedachte Wort zur Katastrophe führen kann. Ein Fremder quält ihren Ex-Mann, der sie soeben noch besucht hatte, in einer Telefonzelle irgendwo in der Stadt. Was will er? Warum die Drohung? Jede Erklärung erscheint ihr besser als keine. Ist es Sadismus? Rache? Haß? Schließlich die Antwort des Fremden: „Ach, weil mir langweilig ist, Lische.“

Was Michael Köhlmeier in seinem neuesten Werk inszeniert, ist weit mehr als „Eine Kriminalgeschichte“, wie uns der Untertitel des Buches suggerieren will.  Bereits die dem Text als Motto vorangestellten Bibelzitate lassen erahnen, daß sich hinter dem vordergründigen Handlungsgerüst mehr verbirgt als bloßer Nervenkitzel. Wieder einmal zeigt sich Köhlmeier als Meister der sparsamen Mittel. Fast ausschließlich durch die Dialogführung - der Text wäre ebenso gut als Hörspiel denkbar - entfaltet er einen Mikrokosmos von Angst und Verzweiflung, für dessen Ausgestaltung manch anderer Autor mehrere hundert Seiten benötigt hätte. Dabei gelingt es Köhlmeier wie nebenbei, die anfangs so klar erscheinenden Fronten von Täter und Opfer aufzuweichen und die Frage nach Schuld und Unschuld aus einer neuen Perspektive zu stellen.

Eine Zeitlang kämpft Elisabeth um jeden noch so kleinen Handlungsspielraum gegenüber dem Fremden. Durch List gelingt es ihr, das Gespräch auf ein Funktelefon zu verlegen - nun kann sie ihre Wohnung unbemerkt verlassen und Hilfe holen. Wenn die Nachbarn zu Hause wären und ihre Türen öffnen würden! Doch die bleiben verschlossen. Eine Putzfrau, die schließlich aus einer der Wohnungen tritt, spricht kein Deutsch und beantwortet Elisabeths aufgeregtes Flüstern lediglich mit einem verständnislosen Lächeln. Nach diesen Fehlschlägen mit ihrer Umwelt lauscht Elisabeth das erste Mal genauer auf die Worte des Fremden.

Er möchte ihr, so flüstert der Mann, eine Geschichte erzählen, „eine Geschichte, in der alles vorkommt, alles bis hinauf zum lieben Gott“. Von Elisabeth verlangt er währenddessen nur eines: Alle 30 Sekunden ein Ja. Als Zeichen, daß sie ihm zuhört. „Du mußt das unaufgefordert tun, Elisabeth. Ich möchte diese Geschichte jetzt erzählen, und denke daran, solange ich erzähle, solange darf sich der da neben mir von mir erholen, und du darfst dich auch von mir erholen. Alle dreißig Sekunden ja zu sagen ist keine Arbeit.“

Ein Mensch, so einsam, so verzweifelt, daß er zur rohen Gewalt greifen muß, um wenigstens für ein paar Minuten ein Gespräch, die Karikatur eines Gesprächs, zu erzwingen. Und während er schließlich von einem angeblichen Freund berichtet - in Wahrheit erzählt er über sich selbst -, von einem Überfall und den erlittenen Demütigungen, da wird allmählich klar, daß sich hinter dem Terror des Mannes eine andere, eine subtilere Erklärung verbirgt als das Böse an sich. Die freilich braucht nicht minder entsetzlich zu sein.

 

n    Michael Köhlmeier: Calling. Eine Kriminalgeschichte. Wien: Deuticke 1998. 95 Seiten. 20 Mark.