„Das Buch,
das verschwand“ gibt einen reizvollen Einblick in das Werk des
argentinischen
Schriftstellers Ezequiel Martinez Estrada
Literatur aus Argentinien wird hierzulande vor allem
mit einem Namen verbunden: mit Jorge Luis Borges, dem Autor solch
geheimnisvoller Erzählungen wie „Die Bibliothek von Babel“, einem schon heute
zum Klassiker gewordenen literarischen Vexierbild. Wie so typisch für die
lateinamerikanische Literatur, spielt hier die Sprache mit sich selbst,
reflektiert über ihr Wesen und erschafft sich so ein eigenes Denkmal.
Eine ähnliche Liebeserklärung an die Literatur ist
„Das Buch, das verschwand“ von Ezequiel Martinez Estrada, den Borges selbst für
den bedeutendsten Lyriker Argentiniens gehalten hat. In Deutschland freilich
gilt es ihn noch zu entdecken, denn das nun bei Fischer erschienene Bändchen
ist nur ein winziger Ausschnitt aus einem eindrucksvollen Oeuvre. Neben seinen
Gedichten wurde Martinez Estrada (1895 - 1964) in seiner Heimat vor allem durch
kritische Essays bekannt, in denen er den dekadenten Zustand der Gesellschaft
in schonungslosen historischen Analysen anprangerte.
Diese Mischung aus literarischem Spiel und
Sozialkritik macht den besonderen Reiz der 1956 entstandenen und nun ins
Deutsche übertragenen Erzählung aus. Doch der Leser sei gewarnt: Noch Wochen
später wird dieser kurze Text ruhelos in seinem Kopf herumspuken! Denn je
länger man über ihn nachgrübelt, je entschlossener man sein Rätsel ergründen
will, umso hartnäckiger verweigert er sich jeder Annäherung. Das Werk ist als
Vorwort zu den fast 2000 Seiten dicken Memoiren der 20jährigen Marta Riquelme
konzipiert. Dieser dicke Wälzer aber, so erklärt der Herausgeber (namens
Martinez Estrada), sei leider unter mysteriösen Umständen verschwunden. „Ich
sehe ein, daß ich nicht darum herumkomme, in meinem Vorwort etwas vom Inhalt
des Werkes preiszugeben; doch weniger in der Absicht, es zu erklären - das wäre
ein aussichtsloses und lächerliches Unterfangen -, als in dem Bestreben, den
Leser ein Stück weit durch ein Wunderland voller Verlockungen und Gefahren zu geleiten.“
Marta, so erfahren wir, lebte in einem labyrinthischen Anwesen - und in ebenso
unübersehbaren familären Verhältnissen. Ein riesiges Gespinst von Verwicklungen
und Intrigen wird angedeutet, in denen die Protagonistin eine sehr dubiose
Rolle zu spielen scheint. Doch letzte Sicherheit über den Charakter Martas
erlangt der Leser nicht, da er ja das Buch, das in höchsten Tönen angepriesen
wird, nie zu Gesicht bekommt. Er muß den Ausführungen des Vorwortschreibers
vertrauen, der von seiner akribischen Editionsarbeit berichtet, in der er
Martas Handschrift enträtselt und sogar ganze Seiten neu geordnet hat. Häufig,
so räumt er freimütig ein, hätte „dieses höchst abenteuerliche Unterfangen“ zu
Textauslegungen „bis an die Grenzen der Metaphysik“ geführt - ja, selbst
„Schlüsselwörter“ seien für ihn „so gut wie nicht zu entziffern“ gewesen. Immer
stärker beschleicht den Leser Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Herausgebers.
Hat es Marta Riquelme wirklich
gegeben? Existierte dieses ominöse Buch überhaupt
jemals, oder entstammt es nur der eitlen Phantasie des Herausgebers?
Hier schließt sich der Kreis auf einer höheren Ebene,
denn freilich erinnert man sich sogleich während dieser Zweifel und Fragen
daran, daß es sich beim „Buch, das verschwand“ ja tatsächlich um die Erfindung
eines Schriftstellers handelt: Der Herausgeber in diesem „Vorwort“ und der
Verfasser der Erzählung sind ein und dieselbe Person. Realität und Fiktion
verknüpfen sich zu einem unendlichen Knoten, der umso komplizierter wird, je
ungeduldiger man ihn zu lösen versucht.
n Ezequiel Martinez Estrada: Das Buch, das verschwand.
Erzählung. Frankfurt am Main: Fischer 1996. 76 S. 20 Mark.