Die
Geschichte beginnt fast mit denselben Worten wie Camus’ „Der Fremde“: „Mama ist
gestorben.“ Doch damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf, denn im
Gegensatz zum teilnahmslosen Meursault bei Camus muß Lothar Schönes
Ich-Erzähler darum kämpfen, seiner jüdischen Mutter das geplante Begräbnis zu
ermöglichen. Deren letzter Wunsch nämlich ist, neben ihrem Mann auf dem
christlichen Friedhof begraben, dort aber nach jüdischen Ritus bestattet zu
werden. Wie abzusehen, stellen sich sowohl die christliche als auch die
jüdische Gemeinde quer, aussichtslos scheint der Kampf gegen die kirchlichen
Windmühlen.
In den Bericht des Erzählers sind immer wieder
Episoden aus der Vergangenheit eingestreut, die sich allmählich zu einem
Gesamtbild zusammenfügen. Die Mutter wurde in der Nazizeit nur deshalb vor der
Deportation bewahrt, weil ihr christlich getaufter Mann den
Einschüchterungsversuchen der Gestapo widerstand und eine Scheidung ablehnte.
Doch der Sohn kann sich weder für den jüdischen noch den christlichen Glauben
entscheiden, steht beiden Welten unentschlossen gegenüber. Gerade aus dieser
Distanz heraus ist es ihm möglich, über das heutigen Verhältnis der Religionen
zu reflektieren.
Es scheint fast, als sei die äußere Handlung
lediglich notdürftiges Mittel, diese Reflexionen und Betrachtungen miteinander
zu verknüpfen. Keine Frage, an manchen Stellen gelangt Lothar Schöne zu
scharfsinnigen Beobachtungen. Etwa wenn er von jüdischen Witzen und
Sprichwörtern berichtet, die nach Auschwitz auf einmal eine neue, teuflische
Bedeutung gewonnen haben. Wenn er über die jüdische Identität reflektiert, in
deren Zentrum heute zuweilen nicht mehr die Thora, sondern die Shoah steht und
die sich dadurch absurderweise dem Opferglauben des Christentums annähert. Oder
wenn er den Sprachgebrauch vieler Deutscher betrachtet: „Ist es nicht seltsam,
wie häufig Nichtjuden darauf hinweisen, daß sie jüdische Freunde haben, und wie
ängstlich sie dabei das Wort Jude vermeiden, als sei es nur schwer
auszusprechen? Ein four-letter-word scheint es zu sein, dem eine gewisse
Obszönität anhaftet. Und ist es nicht erstaunlich, wie beliebt das Wort
Holocaust in Deutschland geworden ist, obwohl es richtig schwer auszusprechen
ist? Doch hier müht sich jeder gern ab mit den Silben.“
Diese gelungenen Stellen jedoch sind die Ausnahme in
einer Erzählung, die über weite Strecken derart oberflächlich bleibt, daß sie
ihrem Thema keineswegs gerecht wird. Hierbei ist die verwendete Sprache noch
das geringste Übel („Draußen ließ ein Lüftchen die Lindenblüten erzittern.“).
Auch über die teilweise allzu simplen Anspielungen - so steht beispielsweise in
einer kurz erwähnten Schulstunde Lessings „Nathan“ auf dem Lehrplan - könnte
man leicht hinwegsehen. Viel problematischer ist, daß der Erzähler seine
Betroffenheit zwar beschreibt, dem Leser aber nur selten glaubwürdig vermitteln
kann. Selbst als er das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz besucht,
bleiben die Gedanken eigenartig seicht, fast beliebig. Wie unvergeßlich dagegen
hatte beispielsweise Peter Weiss seine Eindrücke vom Besuch in Auschwitz in dem
Text „Meine Ortschaft“ festgehalten. Lothar Schöne scheint der gewaltigen
Aufgabe nicht gewachsen - und wie zum Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit
werden die Beschreibungen von Primo Levi bemüht.
Freilich ist Lothar Schöne kein Levi oder Weiss.
Dennoch hätte man sich als Leser - auch an anderen Textstellen - eine größere
Eindringlichkeit gewünscht, die allerdings auch deshalb kaum möglich ist, weil
die knapp 200seitige Erzählung auf zu viele Fragestellungen auf einmal eingehen
will. Weniger wäre mehr gewesen; so aber können Themen wie der Holocaust, der
moderne Zionismus, Luthers Antisemitismus, die Rolle der orthodoxen Juden in
Israel u.a.m. zwar angerissen, aber niemals angemessen behandelt werden.
Ach ja, bleibt noch der Schluß der Handlung: ein
protestantischer Pastor (der sich in der Phantasie des Erzählers kurz mal in
den wütenden Luther verwandelt hatte) erklärt sich schließlich bereit, das
jüdische Begräbnis auszurichten und so den Schulterschluß zwischen den
Religionen zu schaffen. Happy-End bei einem derart diffizilen Thema - geradezu
symptomatisch für die Erzählung.
n
Lothar Schöne: Das jüdische Begräbnis. Erzählung. Köln:
Kiepenheuer & Witsch 1996. 168 Seiten. 29,80 Mark.