„Das
fortschreitende Verlöschen menschlicher Beziehungen bringt für den Roman einige
Schwierigkeiten mit sich. Von den Sturmhöhen haben wir uns weit entfernt, das
ist das mindeste, was man sagen kann. Die Romanform ist nicht geschaffen, um
die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben.“ So Michel Houellebecqs Warnung
zu Beginn seines Romans. Danach aber kann ihn nichts mehr aufhalten:
Gattungsprobleme hin oder her - er fängt an, über das Nichts zu erzählen. Und
das so leidenschaftlich, so konsequent, daß man fast meinen möchte, der
Existentialismus, seit Jahrzehnten im Leichenkeller der Literaturgeschichte
geglaubt, sei auferstanden.
Tatsächlich fühlt man sich bei der Lektüre von
„Ausweitung der Kampfzone“ immer wieder in die triste, sinnlose Welt von Sartre
und Co. versetzt. Insbesondere der Vergleich mit Camus’ „Fremden“ drängt sich
auf, erscheint Houellebecqs Ich-Erzähler doch wie ein jüngerer Bruder
Mersaults: genauso entfremdet steht er der Umwelt und sich selbst gegenüber.
Diesmal tritt uns der Nihilismus in Gestalt eines Software-Entwicklers
entgegen. Seine Aufgaben erfüllt er nur noch mechanisch, in seinen Kollegen
(Freunde hat er nicht) sieht er kaum mehr als Insekten, die es zu sezieren
gilt. Seine letzte Freundin hat ihn vor zwei Jahren verlassen: „Da ich nicht
besonders schön oder charmant bin und zudem häufig unter Depressionen leide,
entspreche ich dem, was die Frauen in erster Linie suchen, nicht im geringsten.
Auch habe ich bei den Frauen, die mir ihre Organe geöffnet haben, immer einen
leichten Widerwillen gespürt; im Grunde war ich für sie nicht viel mehr als ein
Notbehelf. Nicht gerade ein idealer Ausgangspunkt für eine dauerhafte Beziehung.“
Glaubt er anfangs noch, seine Enttäuschung durch kalte Distanz und Sarkasmus verdecken zu können, so bröckelt die Maske des Zynikers im Lauf der Handlung immer mehr ab. Hinter der Fassade schreit ein verzweifeltes Ich. Wochenlang reist der Erzähler mit einem Kollegen quer durch Frankreich, um ein neues EDV-System einzuführen. Von Station zu Station wird er tiefer in den Mahlstrom seiner Ängste gezogen. Eine Herzattacke und die plötzliche Erkenntnis, im bisherigen Leben nichts wirklich erreicht zu haben, werfen ihn endgültig aus der Bahn. „Ich spüre, daß Dinge in mir zerbrechen, wie Wände aus zersplitterndem Glas. Ich laufe hin und her, geplagt von der Wut, vom Bedürfnis, etwas zu tun, aber ich kann nichts tun, denn jeder Versuch scheint mir im voraus zum Scheitern verurteilt. Mißerfolg, überall Mißerfolg. Nur der Selbstmord funkelt unerreichbar über mir.“ Den letzten, ernsten Schritt macht Houellebecqs müde gewordener Sisyphos nicht. Er geht einen anderen Weg - und animiert seinen Kollegen, auch der einsam und auf der vergeblichen Suche nach etwas Liebe, zum Mord. Eine Frau, die beide Männer in der Disco abblitzen ließ, wird zum Objekt ihres Hasses. Ist das Du nicht erreichbar, so bleibt doch noch immer seine Vernichtung.
Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, daß der
Roman zwar die alten Topoi des Existentialismus aufgreift, ihnen aber auch neue
an die Seite stellt. Der Einfluß Lacans ist nicht zu übersehen. Insbesondere
die Sexualität, für den Ich-Erzähler ein anonymes Prinzip, das die moderne Gesellschaft
bis in die kleinsten Strukturen durchdringt, gewinnt eine zentrale Bedeutung.
Houellebecq stellt der Gegenwart eine düstere Diagnose. Seine Reflexionen über
Liebe und Sex, über das Verhältnis zwischen Mann und Frau, sind - zum Glück -
alles andere als politisch korrekt. Sie scheinen es förmlich darauf anzulegen,
gegen den Common sense zu verstoßen. „Verstehen Sie, wir leben in einer derart
einfachen Welt. Es gibt ein System, das auf Beherrschung, Geld und Angst beruht
- ein eher männliches System, nennen wir es Mars; und es gibt ein weibliches
System, das auf Verführung und Sex beruht, nennen wir es Venus. Das ist auch
schon alles.“ Keine Frage, Houellebecq will provozieren. Seine Thesen, nicht
selten holzschnittartig zugespitzt, scheinen der Misogynie eines Otto Weininger
(„W ist nichts als Sexualität.“) ihre
ironische - oder doch ernstgemeinte? - Referenz zu erweisen. Die Entscheidung,
wie groß die Diskrepanz zwischen Houellebecq und seinem Protagonisten ist,
bleibt letztlich dem Leser selbst überlassen.
So gibt uns „Ausweitung der Kampfzone“, bereits vor fünf Jahren im Original erschienen, einen Vorgeschmack auf Houellebecqs neuen umstrittenen Roman „Les particules élémentaires“, der in den letzten Monaten zu einer der heftigsten Literaturdebatten Frankreichs geführt hat und im Herbst auch in deutscher Übersetzung erscheinen soll.
n Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone. Roman.
Aus dem Französischen von Leopold Federmair. Berlin: Wagenbach Verlag 1999. 156
Seiten. 32 Mark.