Der
Countdown läuft. Noch ein paar Stunden, dann fällt der Vorhang. Und zwar für
immer. Aus. Ende. Feierabend. Denn während sich die Menschheit auf das Fest der
Feste, auf den Jahrtausendwechsel, vorbereitet, hat sich der Satan
höchstpersönlich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Den Weltuntergang pünktlich
um Mitternacht. Den großen Knall am Ende. Und weil sich „der Andere“, der alte
Mann mit dem langen, weißen Bart, längst entnervt von der eigenen Schöpfung
abgewandt hat und sich seit Ewigkeiten nicht mehr blicken ließ, steht es gar
nicht gut um die Zukunft der Erde.
So weit, so bekannt. Der Weltuntergang wurde in den
90ern - ob in Literatur oder Film - so häufig beschworen, daß man „Apokalüpse
Nau“ des portugiesischen Romanciers Rui Zink mit einer gehörigen Portion
Skepsis zu lesen beginnt. Schon wieder ein Armargeddon? Fällt den Autoren denn
nichts anderes mehr ein? Doch die Bedenken sind nach wenigen Seiten zerstreut.
Das drohende Weltende ist nur die Metapher, eine Art äußerer Rahmen für die
eigentliche Handlung. Denn während sich die Abgesandten der Hölle zum letzten
großen Coup rüsten, nimmt eine ganz andere Katastrophe ihren Verlauf: ein
Silvesterabend im engsten Familienkreis.
Der Unterteufel, der die Familie ausspioniert, kann
sich nur wundern. Wundern über das Ehepaar Jorge und Helena, über deren
Geliebten Vítor, über den Sohn Pedro und dessen Freundin Sofia. Wundern über
die Vehemenz, mit der sie sich gegenseitig zerfleischen. „Die Menschen sind ein
beeindruckendes Beispiel von Gefühlstaubheit, das müssen doch selbst Sie als
Mensch zugeben, oder? In der großen Festnacht schießen Vertreter Ihrer Spezies
Wörter in die Luft, als wären sie ferngesteuerte Missiles, bestückt mit
thermonuklearen Raketen. Anstatt daß Sie Feuerwerke in die Luft schießen und
Champagnerflaschen öffnen!“
So beobachtet der Teufel halb angewidert, halb fasziniert, wie sich die fünf Personen mit allen Mitteln der Polemik bekämpfen. Er kommentiert die subtilen Beleidigungen und rücksichtslosen Tiefschläge, bewertet die Finten und rhetorischen Finessen, mit denen die Streitenden aufeinander losgehen. Und die greifen tief in die Trickkiste der Gemeinheiten - der Teufel selbst kann von ihnen noch lernen. „Vielleicht hat der Meister deshalb entschieden, den ganzen Spaß zu beenden. Er hatte keinen Bock mehr, weiter Regie zu führen in der Hölle der irdischen Banalitäten.“ Wozu auch brauchen die Menschen noch einen leibhaftigen Teufel? „Die Hölle, das sind die anderen“, wußte schon Sartre. Und seitdem hat sich wenig geändert.
Die Assoziation zu Sartres „Bei geschlossenen Türen“
ist kein Zufall. Tatsächlich könnte man sich „Apokalüpse Nau“ leicht als Drama
vorstellen; der Dialog ließe sich auf der Bühne herrlich gestalten. Dabei sind
die einzelnen Kapitel, vergleichbar den Akten im Theater, so gestaltet, daß die
Personen jeweils in anderer Konstellation zusammenkommen und ein neues
Sprachspiel entfalten: Da gibt es das Gespräch der Eheleute, die sich längst
nichts mehr zu sagen haben und sich aus purer Langeweile gegenseitig verletzen.
Da gibt es das Liebesgeflüster der Pubertierenden, die trotz aller Liebe nur
Floskeln austauschen. Da gibt es das Gespräch zwischen Betrunkenen, „blinde
Monologe, die sich nur an zufälligen Schnittpunkten berühren. Jeder ist
verschlossen in seiner Obsession, und die hat mit der Obsession seines Nächsten
nur das Äußere gemeinsam.“
Erst zwei Stunden vor Mitternacht treffen alle fünf
aufeinander: Highnoon im Wohnzimmer, das letzte Gefecht. Der angestaute Haß,
jahrzehntelange Ressentiments, alle Wut und Enttäuschung brechen nun aus den
Personen hervor. Zerstören den letzten Schein einer friedlichen Silvesterparty.
Die Menschen sorgen von selbst für den großen Knall. Die Bombe platzt. - Aber
der Teufel hat frei.
n Rui Zink: Apokalüpse Nau. Roman. Aus dem
Portugiesischen von Martin Amanshauser. Wien, Münschen: Deuticke Verlag 1999.
208 Seiten. 27 Mark.